Wenn der Mensch von einem spezifischen Etwas zu viel hat, dann wird sein Umgang mit diesem Etwas beliebig. Allenfalls ist „beliebig“ das falsche Wort. Und dennoch: Gibt es von einem Etwas mehr als ausreichend, mehr als aus der Sicht des Einzelnen möglicherweise notwendig – wenn er es denn überhaupt reflektiert – ja eben dann verändert sich sein Umgang mit diesem Etwas: aus dem besonderen Umgang, der Wertschätzung wird Selbstverständlichkeit, Beliebigkeit – irgendwann vielleicht auch Missachtung.
Beobachtungen am atlantischen Ozean.
Es sind kleine, sagen wir, besiedelte Fleckchen, mitten am Atlantik. Es sind Städtchen, eher Ortschaften, die das Leben am dortigen Wasser aus der Sicht einer Großstadtgöre beschreiben würden. Es sind jedoch auch leere Fleckchen, leere Ortschaften, leere Häuser und leere Cafés. Zum Teil mag es an der hier noch nicht gestarteten Sommersaison liegen; andernfalls jedoch auch an dem Umgang der Mensch damit, wenn sie von dem oben benannten spezifischen Etwas zu viel ist.
Es gibt gefühlt tausende dieser kleinen flauschigen Eckchen unmittelbar an der Küste nord-westlich Frankreichs. Der Umgang mit ihnen zollt jedoch nicht gerade von Wertschätzung und Wohlwollen. Vielleicht mag es an dem dafür notwendigem Kleingeld liegen; vielleicht aber auch daran, dass es diese Ecken hier im Überdruss zu scheinen gibt. Es existieren so viele dieser kleinen zum Teil für sich stehenden geradezu zärtlichen Hauspartien, geziert durch üppige Fenster mit liebevoll hölzernen Fensterläden, großen Flügeltüren und charmanten Eingangstoren (Okay, jetzt Schluss mit dem romantischen Geschwelge, das ist nämlich auch der Punkt, an dem ich immer meine Bücher weglege ;)). Ich kann mich gar nicht satt an ihnen sehen. Ja; und vielleicht liegt es daran, dass man in Deutschland geradezu danach suchen muss, um mit solch prächtigen Anblicken konfrontiert zu werden. Hier gehört es dazu. In Ostdeutschland sind es aus meiner Sicht dann doch eher die berühmten grau-blassen Plattenbauten (zum Teil peppig in Quietschfarben aufgemotzten, damit es nur keiner merkt), die jedes kleinste Dörflein schmücken. Was für mich schön ist, ist es weiß Gott nicht für jeden. Schönheit gibt es hier auf jeden Fall im Überdruss. Für mich. Und zu meiner Freude.
Was mich weniger freut: dass diese unverwechselbare Schönheit durch die fehlende wertschätzende Handhabe zu großen Teilen bereits verloren gegangen ist. Es fehlt der notwendige Respekt. Er ist verloren gegangen. Warum? Weil es zu viel davon gab. Es erinnert mich ein wenig an meine Beobachtungen in Kroatien. Wenn ein Land über so viel Küste verfügt, dass es sich es leisten kann, Tankstellen und Mülldeponien unmittelbar am Meer zu platzieren. Frankreich verhält sich nicht anders. Der Mensch verhält sich nicht anders. Deutschlands Küstenregion beschränkt sich auf im Verhältnis dazu eher wenige Kilometer. Diese sind ausgefüllt von der Tourismusbranche, überteuerten Hotellerien, wenig Raum um einfach einmal für sich sein zu können. Deutschland hat seine Defizite in Sachen Überdruss woanders.
Schade, dass der Mensch so funktioniert. Allein wenn ich an die Lebensmittelindustrie – insbesondere und ganz ausdrücklich in Deutschland – denke. Es gibt zu viel davon. Es wird weggeschmissen. Oft nicht geteilt. Es wird vernichtet. Lebensmittel im Überdruss: Warum eine Banane essen, die eine braune Stelle hat, wenn ich mir für zwanzig Cent eine neue im Konsum kaufen kann? Es fehlt der Respekt. Die Masse lädt dazu das Einzelne und Besondere nicht mehr zu betrachten: die Banane, der Bananenbaum, die Insekten, das Wasser, der Wachstum – und all das, was dazu gehört.
Genau so verhält es sich auch mit der bereits in einem anderen Artikel beschriebenen „Alles-ist-möglich-Struktur“ unserer Hauptstadt. Die Menschen wollen mehr, immer mehr – höher, weiter, lauter. Die neue Verordnung, dass Spätis nur bis 24:00 Uhr geöffnet haben dürfen: „Wie kann man nur?“, schreit der Mensch in Berlin. Weniger verkaufsoffene Sonntage in Berlin: „Warum sind die Politiker nur so spießig?“, ruft der andere. All das steht exemplarisch für den Berliner, bei dem es nicht um Küste, Meer und Lebensmittel geht. Hier geht es um alles. Immer. Stets und ständig. Der Berliner darf das: Alles haben wollen, alles mögen, alles brauchen. Von Gediegenheit keine Spur. „Warum auch?“, fragt er sich dann. Hier steht Überdruss ganz weit vorn.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich dieses Prinzip in der Liebe anders verhält. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich Parallelen zwischen dem Geschriebenen und der stetigen Zunahme sich trennender Liebespaare ziehen lassen. Man/ frau hat sich satt gesehen – der Partner wird gewechselt. Ich habe es in meinen ersten Sätzen beschrieben: „aus dem besonderen Umgang, der Wertschätzung wird Selbstverständlichkeit, Beliebigkeit – irgendwann vielleicht auch Missachtung.“ Man sieht den anderen nicht mehr. Vielleicht, weil man sein Gegenüber zu viel gesehen hat? Vielleicht muss sich der Mensch des 21. Jahrhunderts auch einfach eingestehen, dass bei derartigen Möglichkeiten, solch diversen Lebensstrukturen und so viel Auswahl auf dieser Erde; das Einmalige nicht mehr zählt; nicht mehr zählen kann. Das man sich irgendwann nicht mehr sieht und sich überdrüssig wird. Wenn aus dem Einmaligem Beliebigkeit wird.
Die Wegwerfgesellschaft: ob in der Liebe oder mit den Lebensmitteln – wo ist sie noch mal? Die Nachhaltigkeit von der immer alle reden?
Eine traurige Erkenntnis. Ich versuche es trotzdem anders zu machen.
Ob in der Liebe oder anderswo.