Wenn ich mal groß bin…

Wenn ich groß bin, werde ich Ronja. Ronja Räubertochter.

Für alle die sie nicht kennen. Die junge Braut, erschaffen durch die Handschrift Astrid Lindgrens, welche durch Wald und Wiesen der weltbekannten Mattisburg zottelt und sich Freiheit, Natur und Burschikosität hingibt. Ja, die möchte ich werden. Ungezwungen und frei.

Fazit des heutigen Tages: ich bin nah dran. Ich habe Fußball gespielt, habe meinen Drachen steigen lassen, bin mit meinen aus Reis selbst-kreierten Jonglage-Bällen in Sachen Kompetenzerwerb vorwärtsgekommen und habe es sogar geschafft, die Kinder-Rutsche unserer Camping-Anlage für mich zu gewinnen.

Jetzt bin fast Ronja. Nur noch nicht groß.

Ohnehin wünsche ich mir seit einigen Wochen wieder oder noch einmal Kind sein zu können. Erwachsensein ist anstrengend. Als Frau, als Berlinerin, als Sozialpädagogin – es macht auch Spaß – sehr oft sogar. Und dennoch: manchmal würde ich mir weniger Verantwortung und mehr „mich selbst“ wünschen.

Heute war ich nah dran. Meiner Freundin habe ich heute geschrieben, dass ich auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens bin. Eine große Frage, die sich mir da im Moment stellt. Nicht, dass ich irgendeinem Erwartungsdruck – maximal meinem eigenen – ausgesetzt bin. Dennoch lässt sich mein soziales Umfeld durch vor allem zwei Wörter zusammenfassen: es ist schwanger oder es heiratet. Und ich freue mich für sie – wachsende Familien, werdende Mamis, glückliche Paare. Ich wünsche ihnen alles Glück der Welt – und wenn ich einen Teil dazu beitragen kann, macht es auch mich glücklich.

Doch wo bin ich? Wo bin ich in dieser Landschaft trauter Familiarität? Karriere ist es nicht. Familie ist es zum Teil. Fernweh ist es am Ehesten. Ausreißen, wegrennen, loslassen. Ich bin seit sieben Tagen in Frankreich und ein erstes Fazit lässt sich ziehen. Mein Fernweh wird nicht gestillt. Ganz im Gegenteil; sie beflügelt sich gerade von ganz allein. Sie spricht mit mir und fordert mich auf: „Lass liegen, lass sein, warum tust Du Dir das an?“ Vielleicht sollte ich doch meinen Jutebeutel und Ruppi nehmen, um mich der weiten Welt zu stellen. Berlin kommt einem immer so riesig vor; die beruflichen Möglichkeiten umso mehr. Dabei ist Karriere – ob Sie einem Spaß bereitet oder nicht – doch auch nicht mehr als ein goldener Käfig. Er fühlt sich gut an und wirkt aufgrund des goldigen Glanzes oft magisch und anziehend zugleich. Befindet man sich erst einmal im Sog der Karriere, der Strömung des Aufstiegs – eben dann kann man sich nur noch schwerlich befreien. Man empfindet den Ausstieg nicht als Befreiung – man empört sich: „Sieben Tage arbeiten, die Welt braucht mich doch“, „Nicht morgen, heute, auch am Samstag!“ Aber ist das auch meine Berufung? Im Moment ist es das wohl auf jeden Fall: „die Helfende“, „die Stützende“. Aber war’s das im Leben? Ist es das, was ich für immer möchte?

Wenn ich groß bin, werde ich Ronja Räubertochter. Noch bin ich nicht groß. Noch fühle ich mich oft wie fünf oder sieben Jahre. „Konventionen sind da, um sie zu brechen“ – ob als Kind oder als Erwachsener.

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