Immer der Zeit entgegen

Nach dem es mich in Paris nahezu aufgefressen hat, kann ich nach dem Großstadtgetummel, zurück am Atlantik – diesmal in nordwestlichen Fé Camp, Ruhe, Abstand und ganz viel Weitblick gewinnen.

Beim Camping oder Zelten ist es anders als im disziplinierten und geordneten Leben eines Jedermanns in Deutschland. Bloß kein Griff zu viel, keine vertane Energie – jeder Schritt überlegt und keinen Weg unnütz zweimal gehen. Natürlich lernt man hier – was frau im Allgemeinen ja eh durch und durch im Blut hat – vor allem vorrausschauendes Denken: Wie muss was gestapelt werden, was benötige als nächstes, wie räume ich den Bus möglichst galant wieder ein; um ihn nämlich nicht wie meinen Kleiderschrank zu drapieren, bei dem alle Habseligkeiten mit dem Türöffnen von der Schwerkraft nach unten gezogen werden und hinaus in Richtung Boden plumpsen, den meine Kater Ludwig und Antonie im Vorhinein so wunderschön für mich eingesandet haben. Klar, um dieses Peeling zu umgehen, bedarf es auch hier einer gewissen Logik und Ordnung. Für mich jedoch bleibt es dabei – Camping bedeutet immer „doppelter Handgriff“ – Du fasst immer alles drei mal, nimmst alles fünf Mal in die Hand und musst ganz automatisch Zeit dafür aufzubringen, nicht den gleichen Fehler zu machen, wie bei meinem Kleiderschrank. Was jedoch ist anders als zuhause? Vermutlich, ist es die Zeit. Es ist die Ausdauer. Ja, es ist die Ruhe. Vor allem aber, Du machst es gern. Nahezu jeder kennt die Situation: Du stehst in einer öffentlichen Toilette und rollst mit den Augen, weil zum Abtrocknen der Hände mal wieder kein Papier vorhanden ist. Vielmehr wirst Du lediglich von einem meist grau-veraltetem Hand-Fön mit einem breiten Grinsen angelächelt, ja gerade zu angeschmachtet. „Benutz mich“, frohlockt es aus ihm. Was macht der Mensch? Er hält seine Hände unter den Fön. Fünf Sekunden hält er es aus (Ja, ja mit einer Ausnahme: Die mega-super-explosion-Händetrockner in Ikea, die einem suggerieren, wie toll und schnell sie sind, um uns damit lediglich zu verführen noch mehr Zeit für Köttbullar und Billy aufzubringen). Dann jedenfalls ist dem Mensch die Zeit zu knapp. Er geht mit halbnassen Händen weiter. Er ist und bleibt weiterhin flüchtig. Ja, so ist er der moderne Mensch. Ich würde glatt behaupten, dass unsere älteren Mitbürger sich mit ihrer ausgestatteten Ruhe und Weisheit mehr Zeit für solche Vorgänge nehmen. „Sie haben ja auch Zeit“, wird sich der Mensch denken. Aber müssen wir erst älter werden, um uns Zeit für solche Vorgänge zu nehmen? Haben wir keine Zeit oder wollen wir sie uns einfach nicht nehmen? Sind wir es nicht, die rastlos und unruhig durch das Leben spazieren, gar hasten und dadurch wichtige und eigentliche Dinge des Lebens nicht mehr sehen können?

Hier jedenfalls erfreue ich mich daran Zeit dafür aufzubringen, den sonst vermeintlich lästigen Dinge des Alltages noch einmal auf einer anderen Art und Weise zu begegnen. Gleich beim ersten Händetrocknen ist es mir ins Auge gestochen. Ich habe meine Hände trocken zaubern lassen – und zwar nicht willentlich, sondern einfach weil es passierte. Der Trockner musste mich nicht wie in Deutschland anflirten, ich lieferte mich ihm gern aus. Ansonsten sind es das Abwaschen, sich den türkischen Kaffee verbunden mit eigentlich mühseligsten Einzelschritten machen (Gas anschließen, Herd anmachen, sich die kleinen Härchen an den Händen dabei verbrennen, Kaffee aus der hintersten Ecke des Busses rauspuhlen usw.) und ähnliche Dinge, die mich hier glücklich machen. Die Erde muss verrückt sein – die „Frau von Welt“ versucht Glück zu definieren: durch Abwasch und Händetrocknen. Doch eigentlich ist es ein anderes Thema das sich dahinter verbirgt: Zeit. Zeit sich selbst zu spüren und anzukommen.

Ich habe heute Steine gesammelt – mit ihnen jongliert, bin in den grauen Atlantik gesprungen, habe mit Kreide gezeichnet und ein französisches Rettungsteam dabei beobachtet wie sie sich im Rahmen einer Übungseinheit eine Stunde lang im Wasser haben retten lassen (drei Menschen und sechs Hunde). Es ist und bleibt also wunderbar. Dieses Frankreich.

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