Deutschlang gegen Italien – zwischen Bilanz und Hoffnung

Deutschland – Italien. Ein Duell der Giganten? Ein Duell der europäischen Meister? Oder eher doch nur ein Bolzplatzspiel zwischen schönem gradlinigen Fußball einerseits und einer willensstarken, aber durchtriebenen Mannschaft andererseits, die sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr durch Hug und Trug als durch Können und Fairness gegen ihre großen Rivalen durchsetzen konnte.

Es ist ein Déjà-vu. Stand ich doch vor genau vier Jahren zur gleichen Zeit am anderen Ort, musste ich schon damals eine ganze Schmach über mich ergehen lassen. Sie mündete schlussendlich darin, dass meine Begleitung – damals war es auch schon Lutzi – bereits am Tag des verlorenen Matches am liebsten den Zug Richtung Heimat genommen hätte. Da am 28.06.2012, als wir uns mit einem 2:1 gegen Italien geschlagen geben geben mussten, jedoch kein Zug mehr den modernen und nachts verlassenen Hauptbahnhof in Warschau verlassen wollte, stapfte Lutzi argwöhnig am nächsten morgen in der frühsten Frühe zum Bahnsteig der polnischen Hauptstadt. Vergebens: die Züge waren ausgebucht. Wir mussten noch mindestens einen Tag länger in Polen ausharren. Der deutsche Fußballzauber hatte sich ausgeträumt und wir uns mit ihm.

Noch heute bezeichnet unser Erfolgs-Jogi seine damalige Mannschaftsaufstellung als den größten Fehler seiner Fußball-Karriere. Waren es beim Spiel gegen Griechenland (4:2 Endstand) doch vor allem fitte Spieler wie Lahm, Khedira und Boateng, die das Fußballplatz determinierten; schickte Jogi im Halbfinale gegen Italien u.a. Pudolski und Kroos auf das deutsche Fußballfeld. Die Aufstellung sollte uns zum Verhängnis werden. Bereits nach wenigen Minuten rückte die italienische Mannschaft vor und machte uns im wahrsten Sinne des Wortes: platt. Dem bleibt wohl auch aus heutiger Sicht kaum mehr etwas hinzuzufügen. Außer, dass wir es übermorgen besser machen wollen.

Unsere Erfolge gegen Italien in einem wichtigen Turnier bleiben überschaubar. Denn: Es gibt keinen (, zumindest keinen, an den ich mich erinnern kann). Angefangen haben muss unsere Trauermisere bereits in den sechziger Jahren – wo es in den Siebzigern doch der verpatzte Sieg in Mexiko war. Es ist wie 2006 und 2012: alle großen deutschen Sportzeitungen illustrieren Statistiken und versuchen sich aktuell gegenseitig zu übertreffen. Aber bestätigen nicht Ausnahmen die Regel?

Denn eines bleibt: Italien ist eine schmierige Fußball-Elf, die vor allem durch unzählige Schwalben, Rumheulen, Foulen und Beleidigungen durchgängig von sich überzeugen kann. 2006, Italien gegen Frankreich. War es doch ein italienischer Schmierenfink, der Zinédine Zidane– bereits damals gediegen, überlegt und staatsmännisch – zutiefst beleidigte und Frau und Tochter verbal zu „Huren“ machte. Wer weiß, wie wir reagiert hätten? Vielleicht ist die legendäre Kopfnuss gegen Materazzi ja noch eine harmlose Variante aus dem uns zur Verfügung stehendem Reaktionsrepertoire.

Es ist mein viertes Deutschland-Italien-Spiel, welches ich live im Stadion verfolgen darf. Die Bilanz? Deutschland vs. Italien in Dortmund (2011) – 1:0, Deutschland vs. Italien in Warschau (2012) – 2:1 Deutschland vs. Italien in München (2016) – 4:1 und diesen Sonnabend nun im französischen Bordeaux. Ein Durchsetzen im Turnier scheint unserer deutschen Elf also schwerer zu fallen als im Freundschaftsmodus.

Was bleibt? Hoffnung, dass diesmal alles anders wird? An den deutschen Fußballfans wird ein Sieg jedenfalls nicht liegen – dafür sind sie zu langweilig, zu ruhig. Fühlt sich Jogi dieses Mal veranlasst, stärker in das Spiel einzugreifen und von der Bande aus gellende Tipps Richtung Spielfeld zu rufen? Oder ist es doch eine SMS von unserer Angii, die unsere Mannschaft beflügelt? Ich jedenfalls werde schreien und poltern. So sehr, dass niemand darauf käme, dass Italien mein europäisches Lieblingsland ist. Bratwurst schmeckt mir halt doch besser als Pizza.

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