Morgens um acht – es klingelt der Wecker. Das Handy zeigt: mehrere Nachrichten und Anrufe, entweder von gestern Abend oder heute Morgen. Neun Uhr – man sitzt in der Bahn. Der Laptop hockt der Frühe wegen verwundert auf dem Schoß des Berliners, der hingegen ist weniger verwunderlich, für ihn es normal. Er arbeitet Emails ab. Zehn Uhr – der Mensch beginnt seinen Tag anzutreten, den er selbst mit so vielen Terminen zugestopft hat, dass er nicht leistbar sein kann. 16:00 Uhr Nachricht vom Partner – keine Zeit zum Antworten, wenn dann kurz und knapp: am besten in Bildchensprache.
Zwanzig Uhr der letzte Termin – wie lange er dauert? Keine Ahnung, man will sich ja nicht hetzen lassen. Danach: Kino, Kultur, Freunde. 24 Uhr – noch immer unterwegs. Nachhause. Dabei ist das zuhause nicht das traute Heim, sondern doch eigentlich die Rastlosigkeit. Sieben Tage, vierundzwanzig Stunden. Dann noch Familie. Und die Freundin oder der Freund? Mit dem/ der gibt es ständig Gezeter. Warum will die nur so viel Zeit mit mir verbringen? Warum will sie denn unbedingt am Samstagabend mit mir ins Kino? Da wo ich doch eigentlich arbeiten möchte, ja nicht muss – möchte (Immerhin sind ja das eigene Entscheidungen: Wir sind doch mündige Menschen? Oder versuchen wir uns wieder hinter mit dem Argument zu verstecken: Die anderen brauchen mich doch? ). Warum kann die denn nicht montagfrüh, am Besten zum Frühstück? Ah nein zum „schööönen Frühstück, mit ganz viel Obst und Sonnenstrahlen der warmen Berliner Luft“ – so klingt es doch gleich viel netter – das Missverhältnis soll nicht mehr auffallen. Der Montagmorgen wird aufgehübscht. Und der Mensch, der sich in den Tiefen des Workaholics verloren hat, merkt es nicht. Wie auch? Er ist gefangen?
Es gibt mehrere Menschen um mich herum, die in Arbeit und hundertprozentiger Ertüchtigung ihr persönliches Lebenselixier sehen. Wenn ich sie darauf anspreche, weisen sie es kühl von sich – was mir denn einfiele. Da gibt es Politiker, da gibt es Freunde vom Bund, meine liebste Freundin und noch einen anderen Menschen. Was haben alle gemein? Sie streben nach Einfluss. Möglicherweise, jetzt wo ich es lese, ist diese Formulierung etwas negativ konnotiert. Wenn ich Einfluss schreibe, dann meine ich Einfluss aus ganz unterschiedlichen Motiven, oft sind es hehre und samariterhafte Ziele: Die Welt verändern, Schule reformieren, Kultur für das Volk machen. Auch mein liebstes Zitat ist: „Frag nicht, was Dein Land für Dich tun kann. Frag, was Du für Dein Land tun kannst.“ Ich selbst hänge ja oft genug in irgendwelchen „wichtigen“ Sitzungen ab und verbringe so meine lauen Sommerabende: stickige Büroluft statt sonniger Müggelsee. Dennoch versuche ich mich selbst in Gericht zu nehmen, mich kritisch mit meinem Ich auseinanderzusetzen. In Berlin ist es doch häufig so: der kleine Malte besucht die Kita. Montags geht es zum Chinesisch, dienstags zur musikalischen Früherziehung, am Mittwoch zum Kinderjudo und so weiter und so fort. An einem anderen Tag begleitet er Mutti zum Fitness, zum Joga oder zum kulturellen Highlights – Kinder haben ja Spaß daran. Dabei merken die Eltern nicht, dass sie die Kinder in eine Erwachsenenwelt manövrieren. Oft haben Familien ja nur noch ein Kind; und damit meine ich ausdrücklich nicht die alleinerziehenden Eltern. Wenn Kinder von früh an lernen, sei es im Rahmen des Elementaralters, der Vor-Adoleszenz oder aber in der Pubertät, die Woche demonstrativ gefüllt zu erleben, dann müssen wir uns auch nicht wundern, dass wir uns immer stärker erkrankende Workaholics groß ziehen, die am liebsten auf Arbeit übernachten würden, es zum Teil tun und sich mit einem Jahresurlaub dem Versuch einer Erklärung vor sich selbst nachzugehen: sie hätten ja viel Zeit für sich. Meine Jugendeinrichtung ist nicht zuletzt auch vor diesem Hintergrund so angelegt, bewusst Momente für Kinder und Jugendliche zu produzieren, in denen sie chillen können und nichts tun müssen. Warum auch müssen Kinder und Jugendliche immer mit non-formalen Bildungsangeboten zugestopft werden? Klar, die Jugendlichen mit denen ich arbeite, bräuchten eigentlich viel mehr davon. Gymnasiasten hingegen weniger. Denn die leben ja genau das Leben weiter, dass sie in frühen Jahren zum Teil kennengelernt haben. Leistungsgesellschaft. Karrieristen haben meist viele Freunde und merken nicht, dass sie trotzdem einsam sind. Zeit für Tiefe gibt es nicht. Nicht weil sie es nicht wollen, weil es nicht anders geht. Keine Zeit. Und Tiefe hat mit Zeit zutun. Die hat man nur, wenn man nicht morgens die Augen aufmacht und in den ersten Stunden gleich den ganzen Tag durchrattert. Die Moderne, die Ellbogengesellschaft, ja der Neoliberalismus, die Welt hat sich genommen, was sie braucht: den tüchtigen Mensch. Und ich werde jetzt nicht anfangen, Statistiken über Burnout, Schlaganfälle, Scheidungsdelikte oder Fremdgehen heraus zu kramen und Korrelationen zu bilden. Das bleibt jedem von uns selbst überlassen: „Ich bin eine Insel“ – so würde es wohl niemand sagen, nur leben.
Und warum schreibe ich das? Weil ich mich genau nach dem Gegenteil sehne. Bereits im letztem Jahr habe ich angefangen, mein 5000-PS-Super-Motor abzulegen und mich wichtigeren Dingen des Lebens zu widmen. Vor einigen Jahren habe ich mich gegen verschiedene SPD-Ämter entschieden, weil ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen wollte. Aber muss immer erst etwas Schlimmes passieren, damit man aufwacht und sich endlich die Zeit nimmt, die Eltern, Geschwister und Familie verdient haben? Vor einigen Monaten hat ein guter Freund seinen Vater verloren. Es hat mich unendlich traurig gemacht. Ein anderer guter Freund hat jüngst seine Oma zu Grabe getragen – ich in den letzten zwei Jahren beide. Ich möchte mehr Zeit mit meinem Bruder verbringen. Und es liegt doch auf der Hand: Mit solchen Arbeitszeiten kann ich ihm nicht gerecht werden? Soll er jetzt 21:00 Uhr auf mich warten, damit wir gemeinsam Wii zocken können? Müssen meine Freunde sich immer nach mir richten, weil ich nur am späten Abend Zeit habe? Ist das gerecht? „Es ist ja immer eine Aushandlung von Kompromissen – sie schätzen halt meine Arbeit und richten sich gern nach mir – so ist das nun mal in einer Freundschaft“, könnte ich jetzt zu mir selbst sagen. Aber bin ich dann nicht die Ausnahme? Habe ich – weil ich ja die Ausnahme bin – auch automatisch immer mehr Rechte?
Man muss sich wohl entscheiden. Nicht jedem liegt Familie so sehr am Herzen wie mir. Deswegen ist man auch kein schlechterer Mensch. Es liegt mir fern, die Familiensympathisanten und ruhigeren Lebensgenossen heilig zu sprechen und den einflussreichen Karrieristen zu verteufeln. Auch ich trage beide Pfeiler unter meiner Brust. Dennoch denke ich: es ist schon eine Frage der Lebensphilosophie; Entscheidung hin oder her. Wer das eine will, muss das andere mögen. Familie beginnt nicht erst, wenn man ein Kind hat. Familie ist man auch zu zweit.
„Niemand ist eine Insel“. Und da ist es wieder mein aktuelles Lieblingsbuch: „Den Zweck meines Leben zu erfüllen, bedeutet nicht, dass ich mich in jedem Moment wild entschlossen antreiben muss. Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Ebbe- und Flutphasen. Pausen und Ruhe sind ein Teil der Erfahrung. Egal wie zielgerichtet ich bin.“ (J. Strelecky. 2015. Wenn Du Orangen willst, such nicht im Blaubeerfeld.)
