Die Trostlosigkeit der Fußball-EM 2016

Man muss schon sagen, Fußball in Europa ist nicht mehr das, was er mal war. Jubelte ich mit meinem Dad 1996 nach dem er bereits einige Spiele auf der großen Insel verbracht hatte und er mir Postkarten schickte, gemeinsam in der Berliner Parise Kommune zum großartigen Erfolg gegen Tschechien, halten sich Euphorie und Fangetaumel in diesem Jahr versteckt. Dass dieser Augenschein nicht nur hier im fernen Frankreich zu beobachten ist, sondern vor allem in Deutschland, in Berlin oder auf der Fanmeile, zeigt um eines mehr, dass die diesjährige Fußball-EM an Spritzigkeit verloren hat.

Die sozialen Netzwerk machen deutlich, die Zeitschriften präsentieren: Wir alle sind Island. Die EU-Phobie der Briten hat sich weiterentwickelt und hat nun auch den eigenen landsmännischen Fußball unter seine Fittiche genommen: England ist raus. Noch nie hat eine Fußball-EM solange gedauert. Und jeder, wirklich jeder hält mit seinem eigenen Kommentar dazu nicht hinterm Berg: Zu viele Mannschaften, zu große Spielpausen, ein zu langer Gesamtzeitraum. Jeden ärgert’s, nur mich freut’s: mehr Zeit für mich.

Und dann ist das ist da auch noch dieses Portugal. Ein Land, das es geschafft hat sich ohne auch nur irgendeinen „regulären Sieg“ (90 Minuten und so …) in das Halbfinale einer Fußball-EM zu schmuggeln. Ronaldo, Du kleines Würstchen: „Du weißt es doch selbst am Besten … Portugal ist halt nicht Real Madrid. Da bringt es auch Dir nichts, wenn Du nach vorn rennst und wie ein aufgescheuchter Gockel mit Deinen Federn umherwedelst!“ Nichts Deines Erscheinungsbildes kann bei auch nur irgendeiner Frau positiv ankommen: Nicht Dein Körper, nicht Deine Spielleistung, nicht Deine großen Kullertränen. Du berührst uns einfach im Geringstem. Es bleibt also peinlich: ein Portugal, dass sich wie eine Elster verhält und die eigentlichen Gewinner (auf jeden Fall die der Herzen), aus dem europäischen Fußballnetz wirft. Vor vier Jahren nämlich, damals noch mit altem Status, wäre ein solche Spielleistung bereits mit dem Ende der Vorrunde ausgeschieden.

Worüber kann sich der Fußballfan von Welt dafür freuen: Länder, die sonst nie im Mittelpunkt der UEFA standen, mischen endlich mit. Sie überzeugen mit fußballerischer Qualität und einer neuen, nie dagewesenen Begabung, Fans leidenschaftlich und enthusiastisch zum Kochen zu bringen. Nord-Irland, Island, Wales: sind es doch diese Fans, denen man sich plötzlich so nah fühlt, denen man ihre Siege gönnt.

Immerhin, jede Fußballnachricht zeigt’s: Deutschland ist im Tor noch zu Null. Neuer also räumt auf, wenn auch von hinten. Ob er heute auch dicht hält? Kommt es zum Elfmeterschießen wird mein Herz für einige Sekunden aussetzen: der Druck ist kaum aushaltbar. Habe ich während meines letzten, für mich bedeutsamen Elfmeter-Schießens, doch fast meine Hand gebrochen als Bayern Dortmund im Elfmeterschmießen aus dem Pokalfinale katapultierte und ich mit jedem Tor und jedem gehaltenem Schuss im Tropical Islands beherzt auf dem Bett herumhüpfte, auf die Bettpfosten haute und mir im Anschluss daran vor Freude auf die Oberschenkel klatschte. Ein peinlicher Freudentanz. Mein Freund musst gedacht haben, ich sei bekloppt. Wenn Kinder mit ihren Vätern Fußball schauen, ist es wohl noch lustiger: Übertreffen sich Sohnemann und Papa in ihren verrückten und arhythmischen Bewegungsspielen zum gelungenen Tor; gibt es auch bei meinem Dad und mir eingeübte Rituale: Im Hofbräuhaus in die Luft geschmissen werden und das Bier dabei ganz ausdrücklich verkippen – ja so in etwa kann mich unser Szenario vorstellen.

In diesem Jahr schauen wir getrennt. Jenny in Frankreich, Papa in Deutschland. Und auch bei den letzten scheint es nun angekommen zu sein: Die Fanmeile ist tot. Nichts rührt sich, niemand kommt. Die armen Menschen, die sich überteuert einen Standort zum Verkauf von Bratwurst und Fanutensilien angemietet haben, stehen nun vor dem wirtschaftlichen Ruin. Waren diese Aussichten absehbar oder wundert sich jetzt jeder erschrocken darüber, dass sich die „deutschen“ Fans in diesem Jahr so verstecken?

AfD und Co. haben sicher einen großen Anteil dazu beigetragen. Präsentierten wir uns 2006 schwarz-rot-gold und gleichsam weltoffen und wunderbar der Welt, fordern die Junggenoss*innen der Bündnis Grünen heute, dass deutsche Fahnen und Trikots nahezu abgeschafft werden: Was (…) ein Blödsinn! So kenne gerade ich doch viele linkspolitisch denkende Menschen, die sich nicht trotzdem, sondern gern ein Fußballtrikot unserer Nationalmannschaft über ihren Körper streifen. „Links sein“ und „Deutschlandfahne“ schließen sich doch nicht aus. Auch nicht im 21. Jahrhundert. Dass es sich dabei um eine solche Trivialität handelt, dass sie im Grunde genommen gar nicht erwähnenswert ist, wird sogar mir dabei klar. Dank der Grünen jedoch scheinbar schon.

Schließlich ist es nicht zuletzt der kranke Terror, der die Welt und auch den europäischen Fußball – mit allem, was sonst so dazu gehört – kaputt spielt. Mit vielen Ängsten wurde ich konfrontiert, dass ich doch jetzt nach Frankreich zum Fußball fahre und dann auch noch die Stadien besuche. Paris, Brüssel, Istanbul – eine traurige Bilanz mit so vielfältigen Ursachen, die ich hier nicht zum Gegenstand machen möchte. Hier geht es ja schließlich um Fußball. Und dennoch handelt es sich um ein Geflecht: Wer geht zu solch Massenveranstaltungen wie der Fanmeilen denn heute noch gern? Dem Terror ins Auge blicken? Ängste schüren lassen? Hier in Frankreich trotzen alle Stadien-besuchern ihren Ängsten. Sie zeigen: Fußball verbindet. Jetzt erst recht.

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