02. Juli 2016 – eine Achterbahn der Gefühle

Bei einer solchen starken Einschaltquote wie es das deutsche Fernsehen am vergangenen Sonntagabend verbuchen konnte, ist wohl davon auszugehen, dass nahezu jeder, der aus meiner Sicht noch ganz bei Trost ist, den legendären Klassiker Deutschlang gegen Italien live im TV verfolgte. Und alle die sich gegen die Liebe zum Fußball sträuben, wunderlich sind oder ihn gar verachten – ja, all jene sind mit dem Sieg unserer deutschen Nationalmannschaft und dem anschließenden Getose auf den deutsche Straßen endgültig wachgeworden. Endlich ist sie da, die Fußball-EM 2016. Nicht mehr nur in den Stadien Frankreich, sondern und insbesondere auch in den Herzen der deutschen Fans.

Bereits während unseres Ankommens in Bordeaux, ganz in der Nähe vom Stadion, merkten wir, dass heute etwas Besonderes in der Luft liegen sollte. Deutschland gegen Italien: ein Klassiker schlecht hin. Dass weiß man von klein auf, auch wenn man sich selbst zu den eher weniger fußballbegeisterter Menschen zählt. Nach dem wir, wie bereits in Lille, unsere Voucher an der offiziellen Ausgabestelle der UEFA zu Tickets verwandelten, nahmen wir die Straßenbahn und machten uns damit erstmals an einem offiziellen Matchday auf den Weg in die Stadt, auch Richtung öffentlicher Fanzone. Angekommen in der Innenstadt überkam es uns dann. Es brach über uns hinein, ganz unverhofft. Wir sahen Deutschlandfans in Massen, in Strömen – Bordeaux zeigte sich schwarz-weiß, wenn nicht sogar in schwarz-rot-gold. Von Italienern keine Spur. Mit dieser kurzen Situationsanalyse erinnerten die Stunden kurz vor Anpfiff, dann groteskerweise also doch an das innerstädtische Leben Warschaus im Jahr 2012, kurz vor der Partie zum Halbfinale. Sollte es diesmal anders werden? Sollten es diesmal tatsächlich die deutschen Fußballherzen sein, die nach Spielende Richtung Himmel hüpfen durften?

Die offizielle Fanzone der UEFA zeigte sich übersichtlich. Kaum ein Mensch war anzutreffen, dafür aber Live-Musik und leere Bier- und Merchandising-Stände. Die Bahn zurück Richtung Stadion: voll. Eines muss man den Franzosen tatsächlich lassen: die Organisation jedes bisherigen Spiels: tadellos. Freundlich, weltoffen, galant. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so freundlich von den Ordnern meines Lieblingsbolzvereins BFC, geschweige denn bei irgendeinem Deutschlandspiel von überhaupt irgendeinem Ordner jemals so begrüßt worden zu sein. Und obwohl ich noch grün hinter den Ohren bin, habe ich – und das wohlgemerkt als Frau – bereits einige Spielpartien in meinem Leben sammeln können. Zurück zum Verlauf. Die Türen der Straßenbahn öffneten sich; und da wer es also das Stade Matmut-Atlantique. Und wäre es nicht weiß gewesen, hätte man das Gebäude doch tatsächlich mit unserem alten Palast der Republik verwechseln können. Es war groß, es war protzig, viereckig und dennoch irgendwie einladend. Spätestens jetzt, unmittelbar vor dem direkten Eintritt ins Stadion, veränderte sich unser Puls. Zumindest meiner. Ich wurde fahrig, meine Hände begannen zu schwitzen, ich konnte meinen Blick nicht von dem weißen Quader wenden. Hier also sollte Geschichte geschrieben werden; und ich mittendrinn.

Und spätestens im Stadion, als ich die erste Gelegenheit nutzte, um in das Stadion hinein zu lugen, übermannte mich das Gefühl der Fußballeuphorie bis in die letzten Fingerspitzen. Stolz trällerte ich unsere Nationalhymne und konnte mich trotz eines kurzen Zickenkriegs mit meinem Companion vollends auf das Spiel einlassen. Um uns herum abertausende Fans die – wie bisher auch – das diesige Match mit einer kleinen, aber liebevollen Fanperformance einläuten sollten (Wenn man fünf Minuten mit einer bunten Fahne auf seinem Platz wackelt, kommt einem das Gesamtbild wohl nicht so üppig vor, wie an einem deutschen Fernseher). Dass unsere Spieler sich trotz der langweiligen ersten Halbzeit weitaus überlegen präsentierten, wird wohl jedem klar sein, der das Spiel aufmerksam verfolgt hat: gutes Zusammenspiel in der Offensive, Abwehr durch Boateng wie immer hervorragend – mehr ist zu den ersten 45 Minuten wohl kaum zu sagen. Es war zäh. Durch die im Vorhinein abzusehende Mogelpackung Italien konnte weder ein Spiel aufgebaut werden, noch konnte sich der Schiedsrichter für einige Minuten beherzt zurücknehmen. Die Strategie des schmierigen Pizzateams schien klar: regelwidrig, zerstörerisch und schauspielerisch.

65. Minute Tor. Kaum zu glauben. Enthusiastisch riss in die Arme hoch. Ich begann wild zu schreien. Hüpfte auf meinen Stuhl, hopste mehrere Minuten auf und ab und bekam mich nicht mehr ein. Mein gesamtes Umfeld um mich herum wurde gepaart mit Tränen in den Augen, himmelhochjauchzend abgeklatscht. Ich konnte es nicht fassen. Ich ballte die Hände in die Luft. Immer noch schrie ich will gestikulierend und war spätestens jetzt nicht mehr ruhig zu bekommen.

Was folgte? Fanchöre, Umhergeklatsche, Fußballlieder – die deutschen Fans sangen, hielten sich gegenseitig in den Armen und konnten sich vor lauter Freude nicht mehr auf ihren Sitzen halten. Der Bann war gebrochen. Die Ära Italien sollte endlich ein Ende haben

78. Minute. Elfmeter. Und dann noch ausgelöst durch meine Lieblingsschmusebacke Boateng. Ein Szenario, dass wir aus der Ferne nur müßig erkennen konnten. Und dann? Es war nicht zu überhören. Der kleine blaue Fleck, aus meiner Perspektive auf 11 Uhr, begann sich zu bewegen, wurde immer lauter und immer lauter. Tor. Tor, für die Italiener. Lutzi neben mir, sackte in sich zusammen. Er ließ sich auf seinen Sitz niederfallen, ich hörte ihn nur noch toben, schlimme Dinge rufen und hatte alle Mühe, ihn wieder herzustellen.

Jetzt also sollte er losgehen, der Fußball-Krimi der europäischen Fußballgeschichte. Ich war wie im Traum, konnte mich nicht bewegen. Mich partiell nicht einmal mehr an den tobenden und lauten Fangesängen beteiligen. Ich ruhte in mir, meine Augen klebten am Spielgeschehen – meine Miene ernst und analytisch. Alle zehn Minuten: wildes Umhergekreische meinerseits. Ich beschimpfte den Schiedsrichter, jeden Schuss der Italiener, ich zeterte und krakeelte. Die Menschen vor mir drehten sich immer wieder um und sahen mich halb verdutzt, dann jedoch völlig überzeugt, dass ich im Recht sei an. Jeden Schimpfwörtercontest hätte ich mit meinem Sprachvokabular an diesem Abend wohl gewonnen.

Doch es half nichts. Kein Tor, nur Verletzungen. Wir wurden stärker und stärker, zeigten eine hohe Balldichte, konnte unsere Pässe halten, hatten Torchancen – doch nichts konnte Buffon und seinen 10 Laienspielern etwas anhaben. Spielende. Es steht 1:1.

Verlängerung: Die Menge um uns herum, sie war jetzt nicht mehr nur tosend, sie bebte. Alles stand, alles rief – wir waren eine große Masse. Wir und unsere 11 Jungs. Wir versuchten zu beflügeln, anzufeuern, doch nichts geschah. Kein Tor. Nur halbstarke Italiener, die eher die Beine unserer deutschen Jungs trafen als den Ball. Und ein ergrautes auswüchsiges Gebüsch am Spielfeldrand, dass seine 11 Spaghetti-Nudeln zurechtzuweisen versuchte. Vergebens. Es sollte bei einem 1:1 bleiben. Auch in der 120. Minute.

Was folgte? Eine Elfmeter-Schlacht, die es sich gewaschen hat. Und man muss sagen, ein solches Erlebnis live im Stadion erleben zu dürfen, kann nichts auf dieser Welt aufwiegen. Natürlich kennen wir nicht alle minutiösen Sequenzen, können nicht zurückspulen, haben keine Zeitlupen oder Stoppbilder. Nicht zuletzt deswegen können wir diese zehn Minuten nicht einmal jetzt haargenau repetieren. Dafür jedoch: Fangemeute, Lachen, Tränen, Ausflippen und vieles mehr. Ich dachte, ich sterbe. Die Elfmeter der Italiener konnte ich gerade so über mich ergehen lassen. Und die deutschen Elfmeter? Keine Chance. Die Erdanziehungskraft zog mich auf meinen Platz. Ich kauerte mich auf meinen Stuhl, hatte meine Knie vor den Augen, immer wieder und wieder lugte ich hervor, um vielleicht doch den Elfer zu sehen, kniff die Augen doch wieder zusammen. Dann hörte ich es: der Elfer musste drin sein. Alles schrie, alles war außer Rand und Band. Und dann? Die Menschen drehten sich um, rissen die Arme über den Kopf – dieser Elfer? Daneben. So ging es 7 Minuten lang, zehn Minuten. Die Minuten kamen mir vor wie Stunden. Und wieder befand ich mir in meiner Starre. Der Druck war kaum mehr aushaltbar. Mir war speiübel. Ich dachte die ganze Zeit: gleich musst Du Deine Eingeweide ausbrechen.

Dann? Hektor. Dieser junge Mensch. Was für eine Aufgabe, was für eine Verantwortung. In Zeitlupe bewegte sich Jonas Richtung Ball. Die Menschenmenge hinter und vor mir stand mit aufgerissenen Augen da. Ich wusste nur: jetzt oder nie. Ich hielt mir die Hände an den Kopf. Ich spürte mein Beine nicht, mein Herz schon lange nicht mehr. Jonas setzte an, immer noch wie in Zeitlupe. Danach Trance. Zwei Sekunden, drei Sekunden. Dann hielt es mich nicht mehr auf den Sitzen. Ich stieg empor auf meine Lehne, krächzte Richtung Himmel und rief irgendwelche komischen Sachen, an die mich nicht mehr erinnern kann. Ich war betrunken vor Euphorie. Nichts schien mehr unmöglich. Wir hatten es geschafft. Sechs zu fünf. Und ich war live dabei.

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