Erscheint mir ein Tag in Deutschland wie ein Wimpernschlag, kommt mir ein Tag in Asien wie eine ganze Woche vor. Heute Morgen noch im Westen Thailands, haben wir nach einigen Mühen die innerasiatische Grenze passiert und sind in einem noch verregneterem Kambodscha angekommen. Und abgesehen von einigen zwischenmenschlichen Reibereien (Mama zumindest meint, dies sei bei 24 Stunden ganz normal…) kann sich unsere Grenzüberschreitung in der Tat sehen lassen.
Sollte einer der Leser also tatsächlich Lust verspüren ohne Flug nach Kambodscha – also über Wiesen und Felder – einzureisen: wir sind erfahren. Besser vorbereitet, hätten wir im Grunde genommen nicht sein können. Hat Lek – einziger Ort weit und breit, der als Grenzübergang angeboten wird, zeigte sich schon bei meiner Recherche als höchst kriminalisierter Kristallisationspunkt, der es den Touristen beim Übertritt in das Nachbarland von Thailand nicht immer leicht macht. Weit entfernt davon einer ähnlichen Erfahrung auf den Leim gehen zu wollen, bugsierten wir also bereits 10:30 Uhr nach einem zwei kilometerlangem Fußmarsch im stürmigsten Regen und zu einigen Teilen einer gefühlten Autobahn entlang, unsere Rucksäcke in den kleinen Minibus Richtung „Border“ – das zumindest suggerierte eines der vielen Schilder in der Mitte des kleinen Busbahnhofes im Regengebiet der Provinz-Hauptstadt Trat.
Nach wenigen Metern sahen wir es schon: 87 Kilometer würden auf uns warten, ehe wir die Grenze erreicht haben. Über Stock, Stein und zum Teil fehlenden Fährt-Spuren wurde der Wagen immer schneller und nach 1,5 Stunden sowie einigen Zwischenstopps in kleineren Dörfern entlang des Meeres kamen wir an, erst in Hat Lek, dann an der Grenze.
Und wie es uns sämtliche Reiseblogs empfahlen, machten wir uns mit Beginn unseres Ausstiegs aus dem Mini-Van frei von jeglicher uns angebotener Hilfe. Kein Schirmträger, kein Doktor, kein E-Visum, nichts. Dass wir bereits in Deutschland unser Visum für Kambodscha beantragt und erhalten haben, sollte sich jetzt als größtes Glück erweisen. Nicht zuletzt deswegen gelang es uns in nur binnen einer halben Stunde die Grenze zu Fuß zu passieren – eine andere Möglichkeit gab und gibt es nicht. Zu jung ist der blutige Konflikt zwischen beiden Ländern, zu offen sind noch die Wunden in Kambodscha, in dem erst seit 1991 vielmehr ’97 offizieller Frieden herrscht.
Nicht nur dass nach Thailand nun endlich wieder das Rechtsfahrgebot Einzug nahm, und wir seit der Grenze neben Riel vor allem in Dollar zahlen, vor allem eines präsentierte sich vor meinen Augen ganz deutlich: Armut. Das kleine Volk ist nicht nur von seiner blutigen Khmer-Geschichte gekennzeichnet, es fällt mir schwer zu unterscheiden, wer von den Menschen um mich herum Täter und wer wohl Opfer gewesen sein könnte. Immerhin leben 25 Prozent der Menschen seit 1979 nicht mehr; ganze Familienstämme wurden gelöscht und unsichtbar gemacht. Ich frage mich: „Ist es wie immer nach dem Erlischen einer blutrünstigen Diktatur? Sind viele der Täter trotz ihres persönlich-politischen Versagens abermals in die oberen Regime-Ränge etwa Polizei oder Geheimdienst eingeschleust worden? Und wenn es so war, haben sie aus ihren Fehlern gelernt, gar eine neue Haltung zur Gesellschaft entwickelt? Oder geht es ihnen doch nur um das persönliche Wohlbefinden; weiterhin Macht, Einfluss bestenfalls Geld zu besitzen?“ Eines bleibt bei der Suche einer Antwort wohl klar: ein schlechtes Gewissen kann die Repressalien eines Opfers nicht lindern. Ein schlechtes Gewissen hilft lediglich einem, nämlich sich selbst.
Und so liege ich also auf meinem Bett, blicke auf zur provisorischen Wäscheleine und denke daran, was die kommenden Tage noch bringen werden. Gerade ist der Strom ein zweites Mal ausgegangen… zu sehr hat es in den vergangenen Tagen in Koh Kong geregnet. Die Stadt wird von der Dunkelheit verschluckt, seit 19:00 Uhr. Gegessen haben in einem kleinen Restaurant bei Kerzenlicht. Nun ist es bereits 22:00 Uhr, das Notstromaggregat des Hostels funktioniert ebenfalls nicht mehr. Dafür aber haben wir ein Dach über dem Kopf. Morgen früh 07:45 Uhr geht es weiter nach Phnom Peng. Wer Lust und Muße hat, kann den kleinen Artikel über Kambodscha in der Zeit lesen: http://www.zeit.de/entdecken/reisen/2015-11/kambodscha-backpacker-party-tourismus-siem-reap Ansonsten habe ich noch einen kleinen Mitschnitt, extra für meine Mama, bis bald.