Kambodscha zu verlassen und nach Vietnam in ein weiteres wohlgemerkt letztes Land unserer kleinen SüdOst-Asien-Reise überzusetzen, erschien mir in Anbetracht des starken Gefühls der hier mich doch sehr vereinnehmenden Gegenwart – nur wenige Stunden vor unserer Abfahrt – in noch weiter Ferne. In Berlin toben Wahlkampf und Haushaltsverhandlungen, hier scheint die Zeit an manchen Tagen nahezu still zu stehen.
Es lässt sich festhalten: Als wir uns mehr oder minder zwar wohl überlegt und dennoch immer ein wenig Hals über Kopf für die Bustour von Siem Reap nach Ho-Chi-Minh entschieden hatten, wussten wir zwar, dass uns eine der üblichen Bustouren bevorstand – das es sich jedoch um einen Nachtbus handeln sollte, wussten wir nicht. Und doch ist es mir hier in in diesen Tagen ungewohnt häufig so oder so ähnlich ergangen: man kauft etwas ein und weiß nie so richtig, was sich in dem Gekauften befindet: meist ist es – so meine nun verstandene Regel – ein Blumenstrauß (aus Plastikorchideen und buddhistischen Räucherstäbchen – obwohl: in Vietnam residiert ja eher die katholische Kirche als der Buddhismus geschweige denn Hinduismus) voller Überraschungen. In diesem Zusammenhang – kurz vor der Abreise Siem Reaps – eine Erfahrung, die ich noch nicht gemacht habe: Ein Nachtbus mit kleinen Schlafkammern für ein bis zwei Personen, Internetzugang – alles wie immer nur nutzbar ohne Schuhe (wie immer in Thailand oder Kambodscha, ob Restaurant, Hotel, Friseur oder Kaufhalle…) und jede Menge Plastik-Vorhängen in violett und/oder pink und weiß. Kurz nach dem sich unser Bus inklusive seiner ein duzend Einheimischer und zweier im Verhältnis wie Schneemänner/-Frauen wirkende Deutsche in Bewegung setzen sollte, schlug meine braune Armbanduhr also 23:30 Uhr. Vorher noch elendig müde, war ich mittlerweile wach, fast panisch und völlig erquickt über die anstehende Erfahrung, die ich nur machen würde. An Schlafen gehen im zweiten Stockwerk des Busses samt Kopfkissen und Steppdecke der Einheimischen war nun nicht mehr zu denken. Schlafen konnte ich nur wenig; irgendwann gegen 01:00 Uhr konnte meine Aufregung meiner Müdigkeit nichts mehr entgegensetzen und Oropax, Kopfhörer und Schlafmaske sollten ihre Wirkung erzielen. Meine Augen schlossen sich.
Irgendwann sechs Stunden später wurde ich aus dem Schlaf gerissen, ich würde meinen nahezu grotesk – wie man es sonst auch schlechten USA-Sitcoms kennt. Nachdem Fabian bereits drei Mal hinter einander unseren Vorhang wieder zurückschob und irgendjemand immer und immer wieder das kleine Stück Stoff zottelnd aufriss, wusste er anscheinend Bescheid. Der Schlaf war vorbei. Nachdem ich ebenfalls wach wurde und kurz den Bus inspizierte, der nicht nur leerer als zu Beginn unserer Fahrt schien sondern schlicht weg einfach ohne Insassen bestückt war, wurde uns klar: auch wir sollten schnellstmöglich den kleinen Bus verlassen. Wir rissen die Augen auf, packten unsere sieben Sachen mehr schlecht als recht zusammen und hasteten stolpernd, verwirrt vor allem aber völlig zerzaust aus dem Bus. Irgendwo im Nirgendwo, um 06:00 Uhr. Nachdem ich nach einigen Sekunden nicht umhin kam festzustellen, dass wir uns abermals in Phnom Pengh befanden, wir dann versuchte unseren Direkt-Anschluss zu finden (Dank sei dem netten Mann am Ticketschalter, der uns trotz fehlender Abrissscheiben unserer Tickets – irgendjemand hatte die einfach abgerissen – die Weiterfahrt genehmigte), saßen wir nach wenigen Minuten im nächsten Bus, aßen zum na ja man nennt es hier Frühstück wieder einmal sehr seltsame und komische Dinge, waren aber glücklich im Bus Richtung Vietnam zu sitzen. Und nachdem wir wenige Stunden später Aus- und Einreise ebenfalls erfolgreich hinter uns bringen konnten, war es soweit. Wir erreichten Ho-Chi-Minh-City.
Wir strandeten. So wie wir immer strandeten. Wir wussten bisher nie, was uns bevor stand und doch hatte es jedes Mal funktioniert. Ein Bett, ein Dach, glücklich. Und nachdem uns ein Taxifahrer mit Verlassen des Busses gleich 4 Dollar abköpfte und wir sage und schreibe 500 m gefahren wurden, erreichen wir sie, die bekannteste Backpacker-Straße der ganzen Stadt. Hostels, Guesthouses, Nagelstudios, Massage-Nischen, Restaurants und Straßenhändler lümmeln sich allesamt dicht an dicht. Und wir: auf der Suche nach einem geeigneten Hostel… ich möchte anmerken, dass all unsre Unterkünfte bisher stets ihren besonderen Charme hatten, abgesehen davon, dass immer irgendwas kaputt war oder Tierchen und Tiere in unserer Schlafstube gastierten. Aber wir fanden es, unsere kleine Herberge – knapp 100 m über dem Straßenrand.
Saigon, heute besser als Ho-Chi-Minh-Stadt bekannt, ist nicht nur laut, grell und voller Energie, sie ist eine Metropole, die den Vietnamesen den Aufstieg zuruft und sich indes zu einer anschaulichen Stadt von Welt entwickelt hat; mich in der Suche nach Freiheit, Ferne und Abgeschiedenheit jedoch nur mäßig beeindrucken konnte. Leben in der City 8 Mio. Menschen, fahren auf den Straßen gefühlt mindestens genauso viele Motorroller wie Menschen hier leben. Könnte man es sich im Backpacker-Viertel samt Bierchen, High-End-Flatscreen und Fußball in den Bars gut gehen lassen, rangeln sich die unterschiedlichsten Coffeshops um die Einheimischen und Touristen vor Ort binnen eines harten Konkurrenzkampfs. Café an Café – wäre es nicht so heiss und imposant gewesen, hätte mir ein Tagestrip durchaus gefallen können: Cofeshop-Hopping. Wir jedoch entschieden uns dagegen, aßen wie bekannt einheimische Speisen und versuchten das ein oder andere Highlight der Stadt abzugreifen: Bitexo-Financial-Tower, Palast der Einheit oder aber eine Fussmasage in der Lobby unseres sehr sehr eigenen Fitnesshotels (Angestellte fungierten als Friseuren, Masseusinnen, Büroladies und wer weiß für was sonst noch), welches sicher weit mehr zu bieten hat als es auf den ersten Blick präsentierte, wenn Ihr wisst was ich meine…
Ich war froh, nach nur zwei Nächten die Abreise vorzubereiten. Es war das erste Mal, dass ich bereits vorab mit einem Ressort unserer Wahl Kontakt aufnehmen sollte. Fabian wollte unbedingt eine Dschungel-Tour unternehmen, was mich dazu ermunterte, mich zu kümmern. Mit dem Bus also sollten wir uns von der Mega-Metropole 150 km Richtung Regenwald auf den Weg machen, um endlich die Tiere und Pflanzen in ihren Farben- und Artenvielfalt zu sehen und zu entdecken, die sich Fabian schon so lange gewünscht hat. Allein die Anreise der 150 km im lokalen Bus samt Einheimischen war es jedoch die Reise wert.


