Von verschluckten Gedanken und der Emsigkeit der SüdOst-Asiaten

Südost-Asien hat meine Sprache verschluckt – nicht nur meine Sprache, irgendwie sind auch meine Gedanken abhanden gekommen und ich mache mich allmählich auf die Suche nach ihnen. Selten habe ich mich so unruhig und unwissend gefühlt, wie hier – abgeschieden von meiner Familie und meinen Freund*innen. Die Länder sind atemberaubend und ergreifend – um nichts in der Welt würde ich meine Wochen hier eintauschen wollen. Und doch fehlt mir etwas. Dieses eine Etwas ,diese innere Zufriedenheit, dieses Loslassen und in aller Herzlichkeit frei sein können – vielleicht etwas, das ich nicht erst seit Beginn meiner Reise vermisse.

In Deutschland stehen spannende Jahre vor mir; zumindest beruflich. Mein Beruf, die Politik, mein Studium und meine Dissertationen greifen um mich und eigentlich müsste ich mich freuen und dankbar sein. Ich möchte umziehen – vielleicht ein erster Schritt in ein Leben, das nicht mehr braucht als Herz und Kopf, meine zwei Kater, einen kleinen Garten und eine gute Flasche Rotwein. Vier große Räume, 250 qm Grün und Terrasse sind eben doch nicht das, was einen allein erfüllt. Diese Vorstellung war für ein anderes Leben bestimmt. Ein Leben das ich so sehr wollte und doch nie eintrat.
Und so sinniere ich um mich herum und versuche das Glück einzufangen, dass sich im Moment so fern anfühlt und doch so nahe liegt. Vielleicht finde ich es im nächsten halben Jahr, vielleicht in den zwei nächsten Wochen, vielleicht aber habe ich den Schlüssel auch aus Gründen einfach noch nicht finden können. Hier in Südostasien beobachte ich und denke. Ich denke still, für mich und denke über die kleinen und großen Herausforderungen jener nach, die hier leben und lieben – die trotz ihrer wenigen Mittel ein Leben um sich herum erschaffen haben, dass frei und glücklich wirkt. Vor allem aber wirkt es herzlich. Niemand der alles auf die Goldwaage legt, niemand der das Schlechte bei dem anderen sucht, niemand der Seines als das Einzige im Leben ansieht. Hier fließt es – das Leben, die Natur, der Wind und die Flüsse. Sie wirken pur und wenig erschütterbar. So wie es mir auch oft für mich selber wünschen würde.

Wenn man sich in diesen Ländern der Erde nicht bewegt, hat man verloren: Man ist, was man tut. Der Deutsche, der sich oft die eigene Emsigkeit zu gute hält, wird hier nicht nur belehrt; er wird überholt und in seiner selbst erkorene Haltung in den Schatten gestellt. Ob Du Hühner im Vorgarten hältst, als 80 jährige Frau im See Reis steckst oder Kokosnüsse verkaufst – irgendwas musst Du tun. Wenn nicht, holt die Natur Dich ein ein, verschlägt Dich auf die Straße und holt sich schnell deinen Atem und Deinen Tod. ALG II – etwas von dem die Menschen hier nur träumen können. Und dennoch frage ich mich: Welche der beiden Tugenden ist eigentlich die, zu der ich mich hingezogen fühle? Braucht es ein Arbeitslosengeld, bei dem man nicht arbeiten muss, um trotzdem irgendwie glücklich sein zu dürfen? Oder befindet sich das eigentliche Glück nicht in der Schaffenskraft des Menschens selbst?

Mein Glück jedenfalls hat sich im Moment verschluckt. Doch vielleicht finde ich es in naher Zukunft wieder. Eines nämlich ist klar: nehme ich mein Schicksal nicht selbst in die Hand, habe ich verloren. Ähnlich wie die Menschen hier. Mein Glück ist nicht abhängig von Umständen, ständigen Aushandlungen und der Zuversicht, dass es irgendwann einmal besser wird. Mein Glück ist einzig und allein abhängig von mir selbst. Ich bin die, die das Steuer in der Hand hält – ich bin Steuerfrau und niemand sonst.

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