Weil Blutegel unsere Freunde sind und wir den Regenwald liebe 

Das Leben in Vietnam ist ein anderes. Es ist nah, irgendwie laut, manchmal etwas grell und dennoch gemütlich. Auf eine besondere Weise eben. Zu unterscheiden ist dabei nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen Land und Stadt. So oder so ähnlich ist es wohl überall auf dieser Welt.

Saigon, eine Stadt von Welt, liegt nicht nur hinter uns. Wir sind geflüchtet. Das zu mächtige und lifestyle-überladene Stadtbild hat uns nicht nur an Berlin erinnert. Mich hat es verschreckt – ein kleiner Schnupfen in unserer Reisezeit Südost-Asiens.
Sich indes wieder – und das ist in Vietnam durchaus keine Schwierigkeit – in einer Küstenregion zu befinden (Ko Chang Bucht), hält nicht davon ab, die letzten Tage in bester Erinnerung zu haben. Drei Nächte und zwei Tage tiefsten Dschungeldickichts liegen hinter uns. Und mit ihnen sämtliche Tiere – sowohl im Regenwald als auch im Bungalow; Lauf- und Mountainbikestrapazen sowie Blutegelbisse und tropische Abwechslung zwischen Sonne und Regen. Eine atemberaubende Zeit, die anstrengend war, dafür absolut jedoch empfehlenswert ist.
Tag 1 bestand vor allem darin, Fabian die Freude zu machen, sich für den allerschwierigsten Pfad samt Guide (Einheimischer) durch den dichten Dschungel des Nationalpark Cát Tiên (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Nationalpark_Cát_Tiên) der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu entscheiden („red trail“). Sieben Stunden Laufstrecke durch den Busch ohne offiziellen Weg sollten auf uns warten. Auf die Horrorgeschichten vermisster Guides inklusive Touristen möchte ich an dieser Stelle aus Rücksicht auf Mama und Papa verzichten. 5 km trugen uns ein offener Jeep auf dem offenen Heck zum Startpunkt. Dann sollte es auch schon losgehen. Ausgestattet war ich nicht nur mit langer Hose und weißem Hemd, auch wunderbar hässliche, dafür aber sehr nützliche Kniestrümpfe samt entsprechender Salbe, die außerhalb rangeschmiert werden musste, gegen Blutegel zierten meinen Körper. Darüber hinaus hatte ich eine Taschenlampe und ein Taschenmesser dabei; der Guide seine Machete. Und so sollte es losgehen. 3 Menschen, 8 km durch den tiefen Dschungel, 2 km „einfacher Weg“, was allein schon von vielen als schwierig eingeschätzt wird. Ziel: Krokodil-Lake (für meine Familie: Krokodil-See). Regenzeit bedeutet Sumpf, überwässerte Waldlandschaft, Insektenvielfalt – vor allem aber Tempo. Kann man sich im Sommer für Fauna und Flora ausreichend Zeit nehmen, muss man während der Regenzeit zwischen Palmen, Riesenbäumen, Gibbons, Schnecken, Schlangen sowie Kühen oder Leoparden hetzen und sprinten. Hält man wenige Sekunden für ein Foto oder die Wasserflasche inne, hat man im Grunde genommen verloren. Dunkelrot wabernde Blutegel nehmen sich Deiner an, kriechen an Dir hoch, krabbeln in Deine Schuhe, bestenfalls schlagen sie zu. Ein wenig erinnert es an den Film-Klassiker Resident Evil „Jenny against Leeshies“. Und tatsächlich ganze Familien machten es sich auf meinem Unterkörper gemütlich. Dass ich am Abend Fabians Schuhe von einer ganzen weiteren Herde befreite, würde ich schon mal als eigene Tapferkeit bezeichnen. Darüber hinaus wartete uns im Rahmen der Dschungeltour eine Bodenfassung, die es in sich hatte. Harter Boden weit gefehlt. Wir wateten durch gefühlte Seen (Paradies tausender Krebssorten), über Lavasteine der früheren Vulkane und ließen Berge und weiteren Muß unter unseren Füßen Stück für Stück hinter uns. Nachdem wir nach weniger als drei Stunden, einem Sturz von mir und wahnsinnig tollen Eindrücken den erhofften See erreichten, uns von weiteren Blutegeln befreiten und durch sich auf dem Boden befindende Fischsuppe (Dank sei den Einheimischen und Fischfängern) – wohlgemerkt hier schon barfuß – taperten, war sie endlich da: eine kleine Pause samt Blick auf den sich ständig verändernden See inkl. 200 Krokodile (drei davon waren immerhin zu sehen). Eine kleine Bootstour samt Kahn und Paddel war aufgrund der Witterung an diesem Tag leider nicht möglich. Sollte sich der Rückweg ein klein wenig leichter gestalten, waren wir nach mehreren Stunden Aerobic-und Fitnessschlacht tatsächlich froh, wieder in unserem kleinen wirklich tollen und empfehlenswerten Bungalow zu sein. Eine Coke-Zero ohne Zucker erfreute meinen Gaumen.
Und wäre die Nacht nicht ohne Spinnen die an Papas Vogelspinne „Tegler“ erinnert gewesen (die Nacht vorher waren es Libellen, Frösche und Gekkos), dann hätte die Zeit in unserem Bungalow sicher noch schöner sein können (http://www.greenhopelodge.com – beste und einheimischste Unterkunft bisher).

Am nächsten Tag (Tag 2) erwartete mich eine 24 km-Mountainbiketourdurch den Dschungel, die uns diesmal auf meinen Wunsch hin nicht nur an unsere Grenzen trieb. Wohlgemerkt nur zu zweit. Mit ihr warteten Matsch, Schlamm, kaputte Fahrräder und nicht befahrbare Wege auf uns, die wir passieren mussten. Sogar meine Schuhe verlor ich bei Weilen. Dies jedoch ist eine andere Geschichte. Beide Tage waren so außergewöhnlich und naturnah. Ich liebe das Risiko, und seit vorgestern um eines mehr.

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