Es ist 20:00 Uhr und über mir neigt sich die Sonne langsam Richtung Boden, um sich für den heutigen Abend zu verabschieden. Wenn ich nach oben schaue, sehe ich einen grauen Stofffetzen des kleinen zeltartigen Überbaus über unserer gemütlichen Essecke, vor allem aber hoch gewachsene Kiefern und einen hellblauen und gelblich von der Sonne anstrahlten Himmel. Kiefern sind meine Lieblingsbäume.
Wir sind in Brandenburg, ganz in der Nähe von Berlin. Die Ortswahl, um mir morgen den letzten Ritt Richtung Berlin zum Vorstellungsgespräch zu ermöglichen. Ich höre die große Landstraße neben mir; immer wieder und immer dann, wenn ein Auto über den noch warmen Asphalt düst. Ich höre mehrere Bauarbeiter im halbtollenden Lärm zehn Meter neben mir im eigenen Wohnwagengehäuse. Und obwohl der heutige Abend wohl eher nicht die Stille meines so sehnsüchtig erwarteten Ruhe-Barometers erreichen wird, ist der jetzige Geräuschpegel mit dem des heutigen Morgen kaum vergleichbar. Er tut lediglich eines, meine Fantasie zerfetzen. Es bleibt also beim Schildern der Tagesabläufe. Die Fantasie kommt, wenn die Stille sich nähert.
Der gestrige Tag brachte trotz der nach wie vor notwendigen Einspielung zwischen den beiden Hauptakteuren dieser Fahrt viele positive Erlebnisse, an die ich sicher auch in Zukunft gern zurückdenken werde. Hatte ich nun tatsächlich die Möglichkeit kurz ins Steinhuder Meer zu huschen, um Handstand im Wasser und Krokodil beim Schwimmen zu üben, schafften wir es gegen 17:30 Uhr endlich in das 1136 gegründete Kloster Loccum (http://www.kloster-loccum.de). Ich freute mich mit gerade einmal vier weiteren Menschen spontan die alltägliche Abendandacht wahrnehmen zu können, um mich auch mit solchen Aktivitäten auf meine Taufe im Dezember vorzubereiten. Weniger freute ich mich, obwohl ich mich im Nachhinein erheblich amüsieren muss, dass meinem Freund es während der Andacht nicht gelang, zwischen den Kirchenglocken meines Handyweckers und den Glocken der tatsächlichen Kirche zu unterscheiden. Befand sich Fabian nicht wie wir fünf Menschen auf dem Vorplatz des Altars sondern weiter hinten in der Kirche, bellten also ab 18:15 Uhr zehn ganze Minuten lang glockenähnlichen Störgeräusche aus meine Telefon. Ich wunderte mich bereits während der Andacht, konnte bekanntermaßen jedoch keinerlei Einfluss auf das Klingeln des Handys nehmen. Ich betete. Ich hatte mir den Wecker als Erinnerung zur Rückmeldung für das nächste Semester meines Psychologiestudiums gestellt. 18:25 Uhr nach Beendigung der Abendandacht lief ich Fabian entgegen und mich in einer völligen Zufriedenheit an und ganz so als ob nichts sei. Er wirkte heiter und teilte mir mündlich mit, wie schön doch das Glockenläuten der Kirchengemäuer sei. Ich lachte auf und kurze Zeit später lachten wir zusammen.
Nach einem anschließenden Kurzbesuch bei Fabians Familie in Loccum, machten wir uns also doch erst gegen 20:30 Uhr auf den Weg Richtung Berlin. Wir wollten es immer hin bis kurz hinter Wolfsburg schaffen. Der Himmel wurde dunkler und meine Augen taten selbiges. Neben der sich einschleichenden Müdigkeit schleichte sich auch ein Stau samt einer abertausenden km-langen LKW-Kette ein, der meine Geistigkeit an diesem Abend weiter erheitern sollte. Ich mit aufgerissen Augen, um ja nicht einzuschlafen, Fabian samt Laptop auf den Beinen, um meine Rückmeldung an der Uni zu realisieren – jockelten wir also mitten in der Nacht weiter über die wahnsinnig beglückenden Autobahnen Mitteldeutschlands, schafften es aber immerhin 7 km vor Wolfsburg irgendwo in Niedersachen die Abfahrt zu nehmen, um anschließend Richtung Dunkelheit zu fahren. Eine Dunkelheit, die sich nicht lohnen würde, wie wir jetzt wissen. Hatten wir immer noch keine Gelegenheit uns im Rückwärtsfahren zu üben, hoffte ich auf einen Stellplatz im Grünen oder im öffentlichen Straßenland – ganz egal, Hauptsache leicht befahrbar. Die Dörfer, die sich mir entgegenstreckten, erinnerten mich an schlechte Horrorfilme oder einen dieser Polizeiruf-Streifen, die von Beginn an des Films einen leichten Grauzug über ihre Darbietung zog. Und so fuhren wir – mittlerweile 23:30 Uhr weiter – stockdunkel, völlig übermüdet und mit irgendwelcher schrecklichen Musik aus den Autoboxen überschattet, um als Abschreckvariante ja wach zu bleiben.
Da sich nach einigen km immer noch keine passende Variante für Passat Joachim samt Anhang präsentierte, bog ich also in einem der Straßendörfer links ein. In freudiger Erwartung endlich bald schlafen gehen zu können, erwartete mich ein gut bewohnter Straßenarm samt Steigung; und – wie sollte es auch anders sein – einer Sackgasse. Wir parkten am Ende der Straße und überlegten, ob und wie wir hier stehen bleiben könnten. Nach 3,5 Minuten entschieden wir: weiterfahren. Ich versuchte zweimal die Straße rückwärts zu fahren und scheiterte kläglich. Dann überlegten wir, den Anhänger abzukoppeln und via Hand zur Hauptstraße zu schieben: ebenfalls zu aufwändig. Und so entschieden wir uns zu wenden. Ich aus dem Auto raus, Fabian rein, Fenster runter und los. Die Situation erinnerte an eine dieser Sendungen aus den 90er Jahren, die ich mit Mama so gern geschaut hatte: 100.000-Mark-Show oder Traumhochzeit. Alles schlief, unser Motor bellend laut – auch der Nachbar öffnete seine Tür, verschränkte die Arme und schaute dem 10 minütigen Spektakel zu. Einen Joker gab es leider nicht. Fabian setzte an und ich rief ihm zu. Einmal, zwei mal, dreiundzwanzig mal, hundert mal – es klappte. Nach einer Phase von bewegungsarmer Millimeterarbeit von Fabian, wildem Zeichenbewegungen und weiteren akustischen Genössen meinerseits hatten wir es endlich geschafft. Wir tauschten die Plätze, schnell fuhr ich los und ein Dorf weiter parkte ich in einer Einmündung an der Landstraße rechts. Nach Abendbrot und Bettenmachen wartete der Schlaf auf mich. Die Nacht erinnerte mich an mein früheres Leben in der Pariser Kommune an einem Silvesterabend. LKWs, Traktoren und anderes Gefährt passierten die Straßen, während wir versuchten das Land der Träume zu erreichen. Gefrühstückt haben wir heute morgen auf dem Gehweg. Wie das Dorf heißt, weiß ich leider nicht. Auch nicht wie es aussieht oder welche Menschen in ihm leben. Geduscht habe ich mich mit der Solardusche von Decathlon. Elektronik funktioniert ohne Stromzufuhr nicht. So war sie also die erste Nacht in der „Natur“ … mein Credo für den Balkan: Wenn wir außerhalb von Campingplätzen übernachten, dann doch bitte am Friedhof, neben der Kirche oder am Freibad. Dort gibt es manchmal Strom, zumindest aber Wasser. Wenn nicht am Abend, dann am Morgen – wieder etwas, was wir dazu gelernt haben.
Und so warten morgen das Vorstellungsgespräch und der Ritt in eines der ersten 13 Länder, dass wir bereisen werden. Morgen Abend schon flaniere ich in Prag. Was für ein Glück, dass mir diese Möglichkeit geschenkt wird. Jetzt springe ich noch einmal in den Krossiner See – und das Rückwärtsfahren üben wir auch noch. Zumindest in den nächsten Tagen.