16:50 Uhr in Bükkszentkeresz. Neben mir eine Tüte Pommbärn Ketchup und gleich schütte ich mir die letzten Tropfen meines Rosé-Weins ein. Vermutlich erst nach dem Schreiben dieses Artikels.
Der heutige Tag sollte also der erste sein, an dem wir nicht aber hunderte Kilometer Autofahrt Richtung südöstlichen Europa schrubben werden, nur um irgendwelche Etappen hinter uns zu lassen. Nach einem Telefonat mit meiner Mama heute Morgen fragte ich mich: Warum auch? Könnten wir uns doch Richtung Istanbul letzten Endes nur selbst hetzen und niemand sonst. Derzeit sind wir exakt 952 km von Berlin entfernt, nach Istanbul sind es noch 1.514 km. Und wir steuern die Stadt nicht direkt an.
Wie im gestrigen Trailer beschrieben, zeigten sich die vergangenen Tage strapaziöser als gewünscht und erwartet. Immerhin war wenigstens Prag eine der schönsten Prachtstädte, die ich bisher gesehen habe. Konnte mich das ebenfalls opulente Budapest vor noch wenigen Wochen nicht in seinen Bann ziehen, präsentiert sich das tschechische Prag an der großen Moldau weitaus gediegener. Die großen und kleineren Straßenzüge erinnerten mich an Berlin-Charlottenburg. Jugendstil, zum Teil Barock – alles durch in der Regel rot bepflanzte Mülleimer und Blumenkübel aufgehübscht. Ganz so als solle sich der Tourist hier wohlfühlen. Und ja, das taten sie, auch wir. Wenn auch auf eine Weise nicht zu vergessen, dass Prag keinesfalls für ganz Tschechien stehen würde und ein entsprechendes Eigenleben in sich birgt. Das Berliner Charlottenburg in Groß zog abertausende Menschen an. An Rom erinnernd pilgerten sämtliche Regenschirme durch die Luft, um den Touristen ja erkenntlich zu zeigen, zu welcher Gruppe man denn nun eigentlich gehöre. Ich komme nicht umhin darüber nachzudenken, wie Berlin ohne Nazideutschland aussehen würde und glaube, dass Prag als imaginäres Beispiel hervorragend dazu dienen könnte. Prag war und ist schön. Es ist wohl ein Städtetrip, der in den kommenden Monaten auf mich wartet.
Gegen 14:00 Uhr machten wir uns auf den Weg Richtung Rumänien – Rumänien zumindest als einer dieser hölzernen Pfeiler im Wald, welche die Richtung gen Ziel anzeigen sollte. Diesmal wollten wir es anders machen. Wir nahmen uns vor spätestens 19:00 Uhr an unserem Reiserastplatz in Tschechien anzukommen, der uns für eine Nacht als zweckdienende Schlafmöglichkeit dienen sollte. Fabian wünschte sich einen See. Im Autoradio dudelt ein Harrypotter-Hörspiel in Abwechslung zu den Spice Girls und dem aus meiner Sicht sehr empfehlenswerten slowakischen Radiosende Volna. Ich hatte ihn bereits in Ungarn ausfindig gemacht.
Gegen 18:00 Uhr tauschen Fabian und ich die Plätze, gegen 19:00 Uhr fuhren wir an der tschechischen Autobahnabfahrt Hustopece ab. Nach dem wir für die vergangene Nacht mehr als 25,00 Euro zahlen mussten, wollten wir heute in der freien Natur schlafen. Und Widererwarten zeigte sich die Suche nach einer geeigneten Stellmöglichkeit weitaus schwieriger als zunächst angenommen. Wir fuhren Richtung See – ich hatte etwas Blaues auf der Karte meines Iphones entdeckt, was mich dazu motivierte dem Umriss immer näher zu kommen. Nach mehreren zu diesem Zeitpunkt fast noch erheiternden Versuchen irgendwo am Straßenrand ein kleiner Dorfstraße zwischen Büschen als Sichtdeckung vor etwaigen Bauern zu parken, entschieden wir uns auf eine dieser Straßen rechts auf eine kleine angehöhte Wiese mit dem Blick Richtung blauen und dämmerungüberzogenem Wasser zu fahren. Links von uns lag ein Industriegebiet. Wir parkten. Wie immer, fast schon routiniert, zogen wir die Bremsen des Anhängers fest, lösten das Auto, öffneten die Fenster usw. Ich fühlte mich nicht wohl. Uns spätestens nach dem ein Range Rover zunächst vorwärts dann noch mal rückwärts an uns vorbei zog, entschied ich mich dem Fahrer entgegenzulaufen. Er wirkte nett und erinnerte mich an einen älteren Familienvater. In gebrochenem Deutsch erklärte er mir, dass dies kein guter Stellplatz sei. Die Polizei könne in der Nacht jederzeit klopfen und uns um Weiterfahrt bitten, darüber hinaus gäbe es in der Region Banditen. Seine Einlassung „Wir sind hier halt nicht in Deutschland“… machte mich nachdenklich; noch immer hallt dieser Satz in mir nach. Wir entschieden uns umzuparken. Wollten wir doch weniger präsent im Naturbild zu sehen sein und die beiden Autos stärker hinter der Baumriege verstecken. Die Fenster ließen wir auf, alle Verbindungen wieder koppeln, dann los. Ich blieb draußen, um zu schauen, ob sich hinter dem Wohnwagen alles im grünen Bereich bewegte. Nach einigen Sekunden hörte ich nur ein lautes Knack, ein Krach, dann ein Stöhnen. Der Wohnwagen war nach vorn gekippt, das Stromkabel entrissen, dass Stützrad ab. Die Sicherheitskette hing nur noch lose zwischen den beiden Autos. Fabian stieg aus dem Auto, ich rannte zur Verkopplung beides Autos. Mir war schlecht. Wir hatten nur noch wenige Minuten Zeit. Es dämmerte bereits. Es schien als könnten wir nicht weiterfahren. Wollten wir eben noch umparken, hatte ich mittlerweile kein Interesse mehr an dem Platz, der uns so viel Unglück bescherrte, zu bleiben. Wir mussten bei der Verkopplung beider Autos einen Fehler gemacht haben. Zeit zum Darübernachdenken, gab es nicht. Wir hasteten zur Fehlerquelle und dann ging alles sehr schnell. Die Reparatur dauerte mindestens eine halbe Stunde. 30 Minuten nach mehreren irgendwann erfolgreichen Versuchen meinerseits das Stützrad wieder zusammenzufügen, einer Sicherheitskette trotz abgebrochenem Ring wieder temporär einsatzbereit zu machen, zwei Menschen samt völlig eingefetteter, geölter und gedreckter Körperbehaarung; zündeten wir den Motor und fuhren von Dannen. Wieder in die Dunkelheit. Wieder ohne größerem Plan, dafür aber mit einem Handy, dass noch 12 Prozent Akku hatte. Es war bereits 21:30 Uhr – 22:00 Uhr schließen die Campingplätze in Tschechien. Unser Iphone half uns in den letzten Minuten. Danke liebes Iphone. Danke. Der Kartenmodus „Campingplätze in der Nähe“ schien unsere letzte Rettung. Wir setzten an und begannen den großen See an einer Schotterpiste mitten in der Nacht zu umfahren. Wir hofften auf keinerlei Gegenverkehr. Erster Campingplatz: voll. Dafür lautes Getöse und Gejauste zu Musik aus den 90er Jahren. Wir fuhren weiter. Campingplatz: zwei. Wieder stieg ich aus dem Auto, wieder laute Musik. Ich entschied mich für den Gang in den menschenüberladene Kneipe. Kein Erfolg, nur zwei unfreundliche Damen, die ständig mit dem Kopf zuckten. Mir war immer noch schlecht. Ich fragte mehrere Menschen und dann fand ich sie – die Rezeption. Mittlerweile völlig aufgelöst traf ich auf eine Gruppe junger Menschen, einer davon, der mich an einen dieser Surfertypen auf Hawaii erinnerte. Er hörte mich an. Er wollte mir den Platz zeigen. Er wirkte unsicher, ob uns diese Variante gefallen könnte. Geld hatten wir noch immer keines abgeholte. Ich faselte nur: „We need just a place.“ „And energey?“ „No, no water, no energy, zero.“ „But shower and toilette?“ „No nothing, just a place“. Ich sagte ihm, dass wir im Dorf morgen Geld abholen können. Er jedoch meinte, wir können gern rauffahren und gern „for free“. Wir brauchen ja nichts, nur einen Platz. Und wieder bemerkte ich eines dieser Gefühle in mir, dass sich am Besten mit „wenn das Getose anderer zu eigenen Stille wird“ beschrieben werden kann. Tatsächliche Stille an diesem Abend, nach diesen Strapazen wäre für mich nur schwer erträglich gewesen. Ich freute mich über die laute Musik, die vielen Menschen um uns herum und die Flasche Wein, die ich am Liebsten auf einmal geleert hätte. Ich hätte die Welt umarmen können.
Mittlerweile befinden wir uns in Ungarn: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bükk Hier oben 560 Meter über der Erdoberfläche angekommen zu sein, birgt ein weiteres Abenteuer – mit einer weiteren Geschichte, irgendwann. Den eigentlich anvisierten Zeltplatz gibt es nicht mehr. Er wurde im vergangenen Jahr von einem Sturm zerstört. Ich höre in die Natur und tatsächlich sind es nur ein Hund aus der Ferne (in Ungarn scheint jeder Mensch mit Garten einen Hund zu haben) und mehrere Grillen. Heute sind wir gewandert. Ich habe eine schwarze Schlange gesehen, und ein Reh, viele Schmetterlinge und eine Hand voll Tierspuren. Das Gebirge, in dem wir uns hier befinden, heißt Bükk. Es ist das größte in Ungarn und birgt mehr als 20.000 verschiedene Tierarten. Auch ein Bär wurde hier im Mai 2018 ausgesetzt. Er soll sich von Pflanzen und Obststräuchern ernähren. So wie ich. Vielleicht werden wir Kumpels. Wir haben Pflaumen gepflückt. Daraus werde ich uns heute Abend wohl ein Kompott zaubern. Geld haben wir immer noch keines. Abermals sind wir entlang eines kleinen Dorfes, diesmal mitten in den Bergen, kostenfrei – diesmal mit Strom und Wasser – „irgendwo“ untergekommen; ja gestrandet. Die Unterkunft erinnert mich an das Feriendorf „Insel der Kormorane“ in Mecklenburg Vorpommern, wenn auch anders, wenn auch kleiner. Die Menschen gestern waren aufgeschlossen und freundlich. Wie immer, diese Ungarn. In das ungarische Volk habe ich mich ein wenig verliebt; nicht zuletzt auch Dank meiner lieben Kollegin Marina, die seit vielen Jahren mit ihrem ungarischen Mann verheiratet ist und ein Haus nahe dem Balaton hat. Hier in Bükkszentkeresz ist es ebenfalls schön, es ist es viel kühler. Es weht Wind.
Gestern Abend habe ich „Asterix und der Sieg über Cäsar“ auf meinem Ipad zum Einschlafen geschaut. Ich habe heute den ganzen Tag darüber nachgedacht, warum Falballa auf einen solch baywatchähnlichen Typen mit goldenem Haar plus Stahlkörper und nicht auf Obelix steht. Ich jedenfalls hatte als Kind immer einen Riesenobelix samt blauer Buchse und orangenem Haare auf meiner Bettkante zu sitzen. Ich fand ihn schon als acht-Jährige dufte. Habe ich bei Papa immer die Filme geschaut, hat mir Mama die Bücher dazu gekauft. Noch heute – immer dann, wenn ich Frankreich bin – kaufe ich mir eine französische Ausgabe. Und so bin ich froh, dass nicht der Gelbhaarige sondern Obelix die Moral der Geschichte geschrieben und für Frieden gestiftet hat. Ganz nach meinem Geschmack. Bevorzuge ich doch selbst auch mehr das Hängebauschwein als den anmutigen Tiger. Liegt doch Anmut immer im Auge der Betrachterin selbst.
Die Tüte Pombärn Ketchup ist alle. Und so mache mich jetzt an unser Abendbrot und flechte mir noch vorher meine Haare neu. Ich habe ein kleines Tattoo auf meinem rechten Oberarm; ich habe es in meiner Pombärn-Tüte gefunden. Jetzt ist es fast ein wenig wie früher bei Oma und Opa in der Höchsten Straße 4 in Berlin-Friedrichshain. Auch da habe ich immer ein Tattoo bekommen. Damals jedoch von meinen Kaugummi-Packungen.


