07:30 Uhr, Bulgarien. Wir sind in Varna. Wieder auf einem kleinen Hügel, diesmal in dem Vorgarten eines bulgarischen Ehepaars, welcher im Sommer, insbesondere im Juni, von Menschen mit Zelt genutzt wird. Derzeit gibt es nur einen Gast, der die Gastfreundschaft der beiden Menschen nutzt, das ist unser kleiner Wohnwagen. Die Sommer in Varna sind kurz: Drei Monate aufgrund der Nähe zum Schwarzen Meer. Ich kann es sehen. In den Bergen braucht man Schneeketten; vor allem in Rumänien. Dort sind die Winter kalt – mindestens so kalt wie die Sommer heiß sind. Kontinentales Klima und ein empfehlenswerter Grund nach Rumänien zum Skilaufen zu kommen. Ich verspreche Euch, es wird sich lohnen.
Das Auto lebt und mit ihm der Wohnwagen. Dafür, dass wir nur wenige Stunden auf dem Zeltplatz in Bukarest verbracht haben, war er teuer: 25,00 Euro. Von den Unruhen und Protesten in der Stadt haben wir nichts mitbekommen. Dafür habe ich festgestellt, dass Lidl in Rumänien ungewöhnlich teuer ist und wenig Auswahl hat. Auch Rumänien, gleichsam Bulgarien, krankt an dem deutschen eher internationalen Phänomen Gemüse und Obst aus dem Ausland zu erhalten. Und das, obwohl vor allem hier Melonen, Tomaten und Zucchini in der Landwirtschaft groß geschrieben werden. Von Bukarest sollte es über die Donau nach Varna gehen.
Den Vorgarten – auf dessen Terrasse ich gerade sitze – konnten wir nur finden, in dem uns der gute Mensch irgendwo in Varna abgeholt hat. Sein Auto fährt mit Sonnenblumenöl. Er sagt, es sei ein Phänomen, was auch in Deutschland verbreitet sei und sich Hr. Diesel ausgedacht hätte. Sobald ich endlich wieder brauchbares Internet habe, werde ich das bei Google nachschlagen. Viele Menschen hier nutzen das gebrauchte Öl der Restaurants vor Ort, holen es dort ab, filtern es und geben es dann in das Auto. Der Mann nutzt diese Methode seit 12 Jahren. Probleme damit hatte er bisher keine. Seine Frau und er unterrichten an der Universität in Varna. Sie sind nett und gestern Abend haben wir Fisch über dem Lagerfeuer gegessen, dazu Tomaten von der Grossmutter und Bier und Wodka getrunken.
Unser Unglück in Rumänien liegt schon wieder weit zurück. Es fühlt sich an wie mehrere Wochen – dabei trug das Erlebnis schlichterweise erst vorgestern zum Wechselbad der Gefühle bei. Wie beschrieben, ist das Navigationssystem in Rumänien nicht unbedingt brauchbar. Sind die Straßen innerorts und auf dem Land gut befahrbar, bestechen sie in den Bergen durch losen Schotter, enge Kurven und vor allem viel Wiese. Irgendwann ging es nicht mehr weiter. Wie immer, wenn wir unsere Fahrroute nicht gut einsehen können, steigt einer aus und schaut. Zumindest ich bestehe auf dieses Ritual. Fabian stieg aus, lief wenige Meter vor, kam zu dem Entschluss, dass dort ein Tor käme und wir nach links fahren müssten. Ein Irrtum wie sich wenig später herausstellen würde. Wir fuhren also einen kleinen fast rutschigen Hang hinab, sahen einen Hof und fuhren, wir wollte es nicht fassen, in eine Sackgasse. Fabian versuchte zu wenden, mehrfach, jedoch vergebens: zu steil, zu glitschig, zu wenig Fläche. Von unseren lauten Versuchen ausgehend muss auch die Frau des Hofes, der sich just am Ende der Sackgasse befand, gehört haben und kam uns entgegen. Freundlich, an meine Oma Rosi erinnernd, aber kein Wort englisch. Nach einigen weiteren erfolglosen Versuchen öffnete sie mir das Gartentor und zeigte gestikulierend, dass es eventuell auch einen anderen Ausweg geben könnte. Ich hätte es besser müssen wissen. Sah doch wenigstens diese Alternative so gut aus. Einmal durch den Garten; auf einer Strecke die das letzte Mal sicher vor einigen Jahren genutzt wurde und dann den Abhang hoch. Fabian versuchte es. Zumindest in dem Hof samt Hühnern, zwei lauten Hunden, vier Schweinen im Stall und einer netten alten Frau war es schön. Ich hatte nur keine Zeit mich mit der Schönheit auseinanderzusetzen. Er versuchte den kleinen Abhang hochzukommen. Die Frau und ich öffneten das Tor, ich trat die hohen Gräser platt. Fabian versuchte es, dreimal, zwanzig mal – keine Chance. Wir saßen fest. Irgendwann wechselten wir die Plätze, versuchten doch noch mal zu wenden, vergebens. Und immer noch die diese gellenden bellenden Hunde. Irgendwann kam die Tochter der älteren Frau – sie wird zwischen 50 und 60 gewesen sein. Beide versuchten uns zu helfen. Nun wieder danach bestrebt den Abhang hochzufahren. Ich im Auto, Fabian und die beiden Damen hinten am Hänger zum Schieben. Wir versuchten es und mehrere Stunden gingen ins Land. Die Anzeigetafel meines Autos zeigte bereis 6 km, vorangekommen sind wir vier. Wir haben uns Bretter genommen unter meine Reifen gelegt – immer wieder ein halb Meter Erfolg, dann zurück. Es war zum Verweifeln. Die Frauen zogen sich bereits wieder zurück; vermutlich in der Annahme, dass uns nicht mehr zu helfen sei. Kurz vor vier Uhr hatten wir nur noch zwei Ideen: Traktor oder ADAC. Wir entschieden uns für letzteres. Ich telefonierte länger, der Empfang immer wieder abgebrochen, mit der zuständigen Zentrale in Athen. Jedoch: „Wenn kein Schaden am Auto sei, könne man uns nicht helfen.“ Wir mussten uns also mit uns allein begnügen. Wir versuchen es weiter – keine Chance. Dafür hatten wir einen platten Reifen. Wieder ADAC, diesmal mit mehr Erfolg. 19:00 Uhr kam dann jemand von der rumänischen Partnerorganisation. Mit Lader. Er konnte uns nicht helfen, dafür englisch. Er befüllte unser Reifen – der offizielle Grund für sein Kommen – merkte aber sofort, dass unser Problem nicht der Reifen sondern der Abhang sei. Uns abschleppen würde nichts bringen. Ein Jeep oder Ähnliches müsste kommen. Sein Auto schaffe das nicht. Dafür kamen die beiden Frauen wieder und unterhielten sich mit ihm. Er übersetzte. Gott im Himmel sei Dank. Eine der Damen hatte bereits einen Traktor organisiert, der in wenigen Stunden zu uns zum finalen Abschleppen kommen würde. Wir waren glücklich. Er unterhielt sich noch mit uns, erklärte uns einige Details und befestigte die Anhängeröse vorn an meinem Auto. Die nächsten beiden Stunden verbrachten wir mit Warten; dafür aber in dem Haus der beiden Frauen. Es war ein tolles Haus, alt aber hinreißend. Ein wenig wie das meiner Großeltern vor zwanzig Jahren. Holzmöbel, Tischdecken, Teppiche, Wanduhren und alte Bilder. Wir bekamen Kaffee und selbstgemachten Nusskuchen. Seit 4 Jahren also aß ich das erste Mal wieder Zucker. Ich konnte die Gastfreundschaft einfach nicht ablehnen. Halb zehn kam der Traktor. Dann ging alles schneller als erwartet. Eine Eisenkette, erster Gang im Halbautomatikmodus, den Berg rauf. Fabian musste ran, ich gab dem guten Mann 100 Lei, was circa 22 Euro sind. Ich winkte den beiden Frau zu und rief gefühlt tausende Male so etwas wie Danke. Ich hörte immer noch die beiden Hunden. Eine halbe Stunde später befanden wir uns wieder auf einer befahrbaren Straße in der Nähe von Kronstadt, diesmal auf dem richtigen Weg gen Bukarest.
Hier habe ich mir gerade einen Kaffe gemacht. Der Rest schläft. Irgendwo in der Ferne rufen Hunde, der Wind weht und irgendwo arbeitet eine kleine Baustelle. Ich sehe das Meer, die Hügel der Stadt – es ist ein schönes Bild. Ein bisschen wie in Marseille; nur viel freier und voller Aufbruch. Ebenso wie es hier in Südosteuropa ist.