Das Berliner Wellenbecken in Groß

Die Haut spannt. Es ist unser erster Strandtag inmitten eines langen Sommerurlaubs durch den wunderbaren SüdOsten eines wunderbaren Europas. Die Welt ist so groß und wir sind so klein. Sollten wir doch alle samt dankbar sein, auf diesem einzigartigen Planeten Erdenbürger sein zu dürfen. Die Haut spannt immer noch. Am Liebsten würde ich eine Hand voll Menschen meines Lebens anstecken oder aber vor allem den tristen Berlinerinnen und Berlinern laut zurufen, rennt hinaus – hinaus in diese große Welt. Erobert sie, küsst sie, umschlingt sie – gar so als wäre sie der intimste Mensch an Eurer Seite. Doch warum sollte der Berliner die Welt erobern (wollen), wo sich doch scheinbar alles Große dieser Welt um die Ecke irgendwo in Mitte oder Prenzlauer Berg befindet? Müggelsee, Partyszene, Stadtpark, Familie … der Berliner fühlt sich so weltoffen und hat es doch viel schwerer als andere Menschen. Ich jedenfalls habe meine früheren Kommiliton*innen für das (temporäre) Aufgeben ihres Heimatortes bewundert. Also liebe Berlinerinnen und Berliner – und auch der Rest der Welt – fühlt Euch wachgerüttelt, storniert Eure Pauschalreisen, packt Eure Hängematte ein und fahrt los. Hinaus. Weg. Fort. Ganz egal wohin. Der Wind wird Euch treiben. Treiben in eine andere Welt. Erobert sie einfach, diese große Welt.

Hätte mich jemand gefragt, wie ich mir einen bulgarischen Strandurlaub vorstelle, dann wäre die Antwort sicher so wie die Beschreibung meines heutigen Tages ausgefallen. Blaues Meer, viele Familien, gutes und günstiges Essen, Bier für ein Euro und irgendwo einen Kilometer den Strand links oder rechts hinunter fußballfeldgroße Strandwiesen samt Sonnenschirmen und Plastikliegen. Den hippen Goldstrand Bulgariens haben wir ausgelassen und dennoch gibt es auch hier günstige Cocktails und andere Lokalitäten, die viele Menschen zum Schlürfen und Verweilen einladen. Es wirkt alles etwas vergilbt, als handle es sich um einen Film aus den 80er Jahren. In den Wintermonaten wird die Sommensonnenlust der aktuellen Tage sicher durch eine karge und triste Einöde abgelöst. Wie gesagt, die Sommermonate in Bulgarien sind kurz.

Das letzte Mal gezeltet habe ich mit meinen beiden Freundinnen Julia und Josi am Werbelinsee; ganz in der Nähe von Berlin. Danach irgendwo an einem anderen See in Brandenburg und dann noch mal spontan irgendwo in den Wäldern Brandenburgs. Eines meiner nächsten Ziele soll die Übernachtung auf einem Hochsitz sein. Richtig gezeltet habe ich das letzte Mal, also bevor ich groß und so etwas wie erwachsen geworden bin, mit meinen Eltern. Mit meiner Mum und Familie irgendwo am See, mit Papa einmal auf Usedom und einmal irgendwo verbotenerweise am Sandstrand auf Rügen, wo wir durch die örtliche Polizei abends zum Abbau des Zeltes und Verlassen des Strandes aufgefordert wurden. Wir haben dennoch gezeltet. Ohnehin habe ich mit Papa und meiner Schwester in den großen Sommerferien immer vierzehn lange und sonnendurchtränkte Tage auf Rügen verbracht. In einer Hütte. Wir haben die Ärzte gehört und ich habe auf der Autobahn immer die Füße aus dem Auto gebaumelt – das war toll. An die Campingplätze kann ich mich nur noch spärlich erinnern und frage mich daher, ob auch die deutschen Camper und damit meine ich nicht die Daueransiedler, so viel Habseligkeiten ankarren, um ja eine reizende Zeit zu haben, wie die Bulgaren. Sind es nicht nur Tische und Stühle, sondern auch kleine Kocheinrichtungen, Kühlschränke, Fernseher und viele andere Dinge, die in die großen Decathlonzelte hineingestopft werden. Die Familien sind gewiss groß. Aber lohnt sich dieser Aufwand? Ich frage mich, ob ich das für meine Kinder später auch tun werde. Vielleicht aber auch frage ich dafür lieber den Opa.

Ansonsten hat die mitteleuropäische Strandmuschelepidemie Bulgarien noch nicht erreicht. Denke ich an die deutsche Ostsee, denke ich an Strandkörbe und abertausende Strandmuscheln, wieder einheitlich vom Decathlon – und damit der Kapitalismus nicht so auffällt in einem schönen unauffälligen bunt (ähnlich wie die „bunten“ Plattenbauten an den Außenrändern der deutschen Großstädte). Hier an unserer Strandnische, fernab von den sonnenumwobenen Fußballfeldern samt gebräunter Frauen in „oben ohne“, gibt es viel weniger Menschen aber niemanden ohne Sonnenschirm. Sonnenschirme, wo das Auge hinsieht. Es ist toll und erinnert mich an die neunziger Jahre. Ganz gleich, ob der Sonnenschirm kaputt ist oder nicht. Er wird genutzt und nach der Ankunft immer irgendwie – mal mehr mal weniger aufwändig – immer so drapiert, dass er Schatten spendet. Zum Schluss wird er zusammengeklappt und in der Regel vom Mann Richtung Dünen getragen. In Deutschland versucht der Mann die ebenso sehr beliebte vor allem aber aufploppbare Strandmuschel (wieder von Decathlon – ich sag ja, der Kapitalismus macht uns alle platt), die nicht wie früher aufwendig zusammengesteckt werden muss, zusammenzufalten. Immer wieder und insbesondere beim ersten Mal scheitern sie daran, die deutschen Männer. Ich muss mich amüsieren. Vielleicht sollten wir Frauen uns dafür zuständig fühlen. Ich jedenfalls muss mit meinem kleinen Zelt ebenfalls immer ran. Ein Zelt was jedoch nicht von Decathlon, dafür aber von Tschibo stammt. Der Kapitalismus, er steckt im Detail, irgendwo in den Nischen. Dreht Euch einmal um und schaut nach links. Auch dort werdet ihr ihn entdecken. Jedenfalls klappt es bei mir jedes Mal; diese Sache mit dem Zelt. So wie vermutlich bei allen Frauen. Was soll ich sagen… was wäre diese Welt nur ohne uns. Sie würde nicht nur weniger gut riechen, sie wäre auch langweilig. Vor allem, wenn es keine Pippis und Ronjas mehr auf ihr gäbe.

Meine Haut spannt. Und mein Gesicht ist rot. Ich bin zum Krebs mutiert. Ein Sonnenbad und es ist geschehen. Endlich ist das gekommen, auf was ich mich schon den ganzen Urlaub lang gefreut habe. Stinkende Apré-Lotion, dafür aber ein rotes Etwas an der Vorderseite meines Kopfes mit zwei schnellballartigen Kreisen im Gesicht, welche an die Schneefrauen im Winter erinnern sollen.

In Varna sind wir wieder in das Leben einer bulgarischen Familie eingetaucht, hier in Sozopol lernen wie die Touristik des Landes kennen. Beides gastfreundlich und weltgewandt. Morgen geht es nach Istanbul. Es sind nur noch 350 km. Ich habe bereits recherchiert. Es gibt eine kleine deutschsprachige evangelische Gemeinde samt Kirche. Es gibt sogar ein Gästezimmer. Vielleicht komme ich in den kommenden Jahren einmal darauf zurück und schreibe dort ein paar Wochen für meine Diss. Für morgen jedenfalls hoffe ich, dass uns die Karte gut durch die nächste Etappe bringen wird. Spätestens an der Grenze nämlich, muss ich mein Internet abstellen.

Heute Abend schmeiße ich mich noch mal in die Wellen. Und wieder erinnert mich die hiesige Zeit unseres Urlaubs an etwaige Szenen aus meiner Kindheit. An den Bulgarienurlaub, als Mama und Papa noch verheiratet, waren oder an die Ausflüge mit meiner Oma ins Berliner SEZ. Das große Wellenbecken war schon damals toll. Nur ist es heute, hier, viel größer.

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