Vom Müggelsee zum Mittelmeer und einmal um die ganze Welt

Berlin hat den Müggelsee und ich habe die Welt. Zumindest einen winzig kleinen Zipfel. Ich habe ihn nicht, ich himmle ihn an – voller Ehrfurcht, voller Genuss. Wenn jemand den Beginn und das Ende des Films „Mamma Mia“ mit Meryl Streep aus dem Jahr 2008 kennt, dann weiß er wie mein gestriger Tag zu Ende ging und mein heutiger begonnen hat… Das Meer wird niemals dunkel. So fühlt es sich zumindest an. Der Mond strahlt wie die Sonne und das Meer schimmert wie eine dieser kleinen Fischflossen, die man als Glücksbringer immer in seinem Portemonnaie bei sich tragen soll. Es ist wie in diesem wunderbaren Film, der auf wunderbare Art und Weise auch in Griechenland erschaffen wurde.

Wir haben einen kleinen Platz gefunden. Er ist lauschig und begleitet unsere kleine Europareise nun bereits seit 24 Stunden. Ganz in der Nähe befindet sich – wie gestern beschrieben – die kleine durch die Natur sich selbst erschaffene Themalquelle in den Bergen. Das Süßwasser hat 41 Grad und ist wahrhaft warm. Da aufgrund der gewaltigen Temperaturen auch hier die Gewässer zurückgegangen sind, konnten nicht alle Fische ihren Gewohnheiten nachgehen. Der eigentliche Fluss war nur noch ein kleiner stehender Bach und in ihm tote Fische. Nur bergauf gab es noch eine kleine heiße Quelle, in dem es sich ca. 6 Frauen gemütlich gemacht hatten und ein gemeinsames Bad zu sich nahmen. Ansonsten gab es viele alte Häuser die leer standen und an eine frühere Genesungsanstalt erinnerten. Es war toll. Es gab eine Hand voll weiterer Menschen, auch einige Camper. Da Fabian aber kein Interesse an den Wildhunden hatte, machten wir uns wieder auf den Weg, um eine andere Übernachtungsmöglichkeit zu finden.

Ein netter Mensch zeigte uns den lauschigen Platz am Mittelmeer. So wie uns bisher viele Menschen Vieles gezeigt haben, weil wir uns in der Weite der europäischen Welt in den vergangenen Wochen bereits öfter verirrt haben. Die wunderbare buchtige und sandige Strandnische, an der wir uns gerade befinden – ist eine für Nackte und Schwule. Das zumindest sagten uns alle, die uns hier bisher begegneten. Es ist toll. Wir waschen unser Geschirr im Meer, baden morgens und abends und zahlen der Welt dafür mit einem Lächeln. Vielleicht ist es auch ein Lachen. Ein großes, breites – wie das von Pippi Langstrumpf, immer dann wenn sie sich mit Anika und Tom durch ihre Abenteuer schlägt.

Es ist ein seltsames Gefühl, das ein solch wunderbares Meer, das abertausende Menschen beglückt zugleich so zerstörerisch sein kann. Viele Menschen finden hier ihren Tod. Nur, weil sie nicht das Privileg haben deutsch oder europäisch zu sein. Es kümmert mich, wenn ich mich in die Wellen fallen lassen. So sehr ich diese Welt auch liebe, so entzürrnt bin ich darüber, was diese für Menschen hervorbringen kann. Da wo Egomanie und „Safe the first“ groß geschrieben werden – da ist sie nicht, meine kleine und große Welt. Ich bin froh, dass ich mich immer wieder daran erinnere wie gut es uns geht. Das stumpft zumindest nicht ab.

Gestern Abend mussten wir einem der anderen Strandbesucher helfen. Er hatte nur noch einen Schlüppi und ansonsten ein Auto, aus dem er sich ausgesperrt hatte. Die einstündige Aktion glich einem Spektakel, welches man – um der Situation auch nur ansatzweise gerecht zu werden – im Grunde genommen nur mündlich wieder geben kann. Alle im Verlauf dieser Reise bereits erworbenen Werkzeuge wurden zur Hilfe ausgepackt. Selbstverständlich. Und zehn Minuten nach der Erkenntnis des Schlammasels sollte ich mich also in einer Traube schwuler, laut losender aber sehr freundlicher Männer – im Schlüppi oder nackt befinden. Nicht, dass das wichtig wäre. Aber es war urkomisch. Das aufzubrechende Auto war kaum mehr zu sehen, dafür aber nackte Beine, gebrochenes Deutsch, Mimiken, Gestiken – ein wahrhaftiges Schauspiel. Wir versuchten es durch den Kofferraum, durch ein hinteres Fenster. Das alte Auto hatte seinen Schlüssel verschluckt und seine Schniepel zum Türenöffnen unten. Wie in den 90er Jahren. In meinen Ohren flötete es nur noch „du musst doch nur den Nippel durch die Lasche ziehen“. Und irgendwann, etliche Schlachtversuche später, konnten wir gemeinsam mit den anderen leicht bekleideten Menschen das hintere Fenster nach außen drücken, um mit unserem selbstgebauten Sicherheitsseil für den Wohnwagen irgendein Hebel zum Öffnen des Fensters zu bedienen. Und irgendwann kamen weitere Menschen zu uns, mit noch mehr Werkzeug und noch einer Zange und irgendwann öffnete sich dann endlich Auto. Ein Glück. Ein glücklicher Mann, alle jubelten und wir bekamen zum Dank zwei Äpfel. Wie dankbar bin ich nur für dieses Erlebnis. Sobald ich Internet habe, muss ich das einzige Bild das ich von dieser so lustigen Szene gemacht habe, hochladen. Es ist grotesk. Die Szene, die Welt, das Mittelmeer und der Müggelsee. Denn Geschichten gibt es überall.

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