Vom Suchen und Finden

Orte verändern sich mit der Anwesenheit von Menschen. Als ich 18 Jahre alt war, habe ich es geliebt nachts unter den Berliner Linden entlang zu schlendern. Am Liebsten morgens um vier. Tagsüber waren es tausende Menschen, am frühen Morgen nur ich. Auch hier in der Ferne ist es so. Gestern am Sonntag waren es viele Menschen, heute Nacht waren es nur wir und ein älterer nackter Opi. Jetzt sind es wenige. Es ist ein wenig wie der Lichteinfall auf einer Theaterbühne oder ein gestimmtes Instrument. Je nach dem welche Nuance man dreht, verändert sich auch gleich die Perspektive auf das Gesamtensemble.

Das Leben schreibt Geschichten. Heute Morgen habe ich mit dem älteren nackten Mann mit weißem Hut einen griechischen Kaffe getrunken. Dafür habe ich ihm etwas von unserem Mittagessen aus Resten gegeben. Gerade sitzen wir unter seinem zweiten Sonnenschirm. Die Wellen sind großartig und die großen Steinflächen am Meer laden zum Lümmeln ein. Hinter uns befinden sich Berge. Unser Essen ist fast alle, Strom gibt es hier keinen. Dafür wenige Menschen, meist Männer, die kommen und gehen. Und die Kondome, die man hier findet, stören niemand. Dafür ist der Platz zu schön.

Ich denke mittlerweile – sofern es denn mein junges Alter erlaubt – , dass wir Menschen uns weniger auf die Suche begeben sollten. Allesamt sind wir doch auf der Suche nach den Antworten auf die (großen und kleinen) Fragen des Leben. Und das, obwohl wir doch nicht einmal in der Lage sind, die Fragen zu kennen, zu erkennen. Manche gestehen sich diese Wahrheit ein, andere nicht. Vielleicht sollten wir uns vielmehr auf das Finden als auf das Suchen einlassen. Wie oft schauen wir an dem eigentlich Wahrhaftigen vorbei, nur weil wir auf der Suche oder mit anderen Dingen – etwa Arbeit, Erfolg, Geschäftigkeit, Unterstützung – beschäftigt sind. Wir sind gefangen in uns selbst und merken es nicht einmal. „Wer suchet, der findet“ – ein Psalm der wahr ist, oder auch nicht. Vielleicht muss man dafür das Leben neu stimmen oder nachts durch Berlin laufen und seine Gedanken, seine Fragen in die Welt rufen. Hier jedenfalls, in der Ferne, finde ich einen Reichtum wahrhaft aufrichtiger und hilfsbereiter Menschen, auf die wir nicht vorbereitet waren. Eine Poesie aus Stille, Natur, gutem Wein und spannenden Lebensgeschichten. Vor allem aber finde ich Antworten auf Fragen, die ich mir gar nicht gestellt habe.

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