Von Geld und Liebe irgendwo in Kroatien

Es ist nachts um 2 Uhr und das Schlafen fällt schwer. Ich denke darüber nach, wie Sekunden zu Stunden und Stunden zu Tage werden können, um in den letzten 14 verbleibenden Urlaubstagen auch ja jeden sich mir präsentierenden Augenblick zu genießen. Ich versuche all meine Erlebnisse und Eindrücke in dieses eine Marmeladenglas – ich weiß nicht, wie viele man von ihnen hat – zu quetschen, um auch im Winter oder vielmehr in der Zeit der Geschäftigkeit, der Eile – in der Enge dieses großen Berlins immer wieder eine Priese von ihr nehmen zu können. Von ihr, der guten und freien Zeit.

In der Ferne höre ich lauthals singende Männerstimmen, Grillenzirpen und die Wellen des kroatischen Mittelmeers. Immer wieder fahren kleinere oder größere Autos den kleinen Abhang entlang, um entweder zur kleinen Bucht samt Restaurant zu kommen oder für eine Nacht hier stehen zu bleiben. Stehen darf man hier nicht. Ein Wunder, dass wir es doch bzw. noch tun und mit unserem Charme – an dem wir in den vergangenen Wochen aufgrund von wahrhafter Notwendigkeit durchaus arbeiten mussten – das Stehenbleibendürfen ergattern konnten. Irgendwie.

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Indes sind wir angekommen, irgendwo hinter Split, irgendwo in Kroatien. Ich vermute, dass die meisten der Lesenden wissen, wie touristisch und besiedelt der kroatische Mittelmeerraum bereits ist und was Geld, Kommerz und Konsum mit den Menschen machen können. Das imperialistische Europa hat hier Einzug erhalten und der Deutsche fühlt sich wohl. Kommt man aus Deutschland fühlt sich eine Reise in die hiesige Idylle günstig an – kommt man aus Albanien und der Türkei merkt man, dass das Pro-Kopf-Einkommen zwischen der Ländern wohl ganze Oktaven hinter sich lassen muss. Und da wo Geld ist, ist die Ausschau nach noch mehr davon nicht weit. Ich freue mich, wie gut es diesem naturalistisch so wunderbaren Land geht, frage mich aber, was Geld aus den Menschen machen kann. Ein wenig erinnert es mich an den Unterschied zwischen Thailand und Vietnam oder Vietnam und Kambodscha. Andernfalls sollen die Einheimischen leben und wohnen können – auch von Tourismus und auch durch unseren Beitrag. Können Geld und Bescheidenheit eigentlich überhaupt Hand in Hand gehen? Und wenn sie es tun, wie können Menschen, die diese Kür gehen andere damit anstecken?

Vor mir versucht ein älteres Paar inmitten am Meer zwischen zwei kleinen Kiefern ihr Zelt aufzubauen. Ob sie verheiratet sind, weiß ich nicht. Wie sie sich dabei anstellen, kann ich auch noch nicht beurteilen. Sofern ich es denn überhaupt kann. Ich frage mich, ob es für eine Beziehung ein gutes Zeichen ist, wenn man ohne größeres Gekeife, ohne größere Schwierigkeiten gemeinsam ein Zelt aufbauen kann. Oder ob es eher dafür steht, dass man ein gutes Team ist. Aber ist man als gutes Team auch immer gleich eines gutes bzw. funktionierendes Paar? Und vor allem bedeutet funktionierend immer gleich glücklich? Die Nachbarn jedenfalls haben sich dafür entschieden, es ein paar Meter weiter mit dem Zeltaufbau erneut zu versuchen. Tränen gab es bisher keine. Ich finde es toll, wenn man mit 50 Jahren noch mitten in der Natur zeltet und sich gemeinsam auf eine Reise samt Abenteuer begibt. Ich frage mich, wie es mir mit 50 Jahren ergehen wird. Gerade heute haben wir an einer Raststätte einen Mann aus Tübingen kennengelernt und mit ihm gemeinsam gegessen. Er ist mit 50 Jahren in Frühpensionierung gegangen, weil er noch was vom Leben haben wollte. Leider ist seine Frau kurz danach verstorben. Heute ist er 74. Und er fährt. Nach Ungarn, Skandinavien, durch das große Europa. Allein mit seinem Wohnmobil. Er trifft hier und da Menschen und vor allem wirkt er zufrieden. Mit sich und der Welt. Nächstes Jahr geht es für ihn nach Australien.

Das Paar, das ihr Zelt aufbaut kommt aus Nürnberg. Es wirkt als wären sie ein zweites Mal verheiratet. Ist die erste große Liebe doch in der Regel heiß und innig; ist die zweite, sofern es denn eine gibt, vor allem verlässlich, erwachsen und immer auch ein wenig durch den Kopf gesteuert. Zumindest berichten mir viele davon und sicher könnte auch ich eine Geschichte dazu erzählen.

Ich rieche die Kiefern vor mir und fühle mich etwas verlottert. Vorgestern bin ich am Tiefpunkt unserer Reise angelangt. Zwei Tage nur Autofahren, kaum Essen, wenig trinken, hunderte Kilometer Umweg, fehlende Navigation. Mittlerweile habe ich mich wieder gefangen. Vor mir steht ein großer Melonenteller und vielleicht springe ich auch noch mal ins Meer. Die Kiefern erinnern mich an Brandenburg und mein Zuhause. An das Pilzesuchen mit Mama und Papa früher, irgendwie an meine Kindheit und vielleicht auch ein bisschen an meine kleine Zukunft. Ich wachse aus meinen Kinderschuhen und erwische mich dennoch immer mal wieder bei dem Versuch mich imaginär in meine schwarz-weißen Plateau-Schuhe aus den 90ern zu quetschen, um ja ein bisschen Nostalgie zu spüren. Berlin wirft seine Schatten und das große wunderbare Brandenburg mit seinen Kiefern lacht mich an.

Bald ist das kleine Zelt unter der vier Kiefern aufgebaut. Melonenbäume sind in mir immer noch nicht erwachsen. Dafür aber eine große Portion gute Laune samt Blick aufs Meer, ein paar Segelboote und einem leichten Wellengang.

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