Dafür, dass mich mein grauer Mac seit indes fünf Wochen durch das große Europa begleitet, habe ich ihn bisher herzlich wenig in Anspruch genommen. Sage und schreibe drei oder vier meiner Artikel habe ich durch seine Schaffenskraft publiziert, ansonsten steckte er fest in meinen Reisebeuteln. Erst jetzt merke ich – er hat mir gefehlt. Manchmal erinnert mich mein Schreiben an das Wirken von Carry Bradchaw, die Hauptprotagonistin von Sex an the City. Nur nehme ich mich in der Auswahl meiner Themen und der Abhandlung von Familie und Freunden gewissermaßen mehr zurück. Am Liebsten würde ich ganze Geschichten schreiben, und all das am Liebsten mit einem großen Bayles Latte in New York in einem kleinen verschnörkelten Café am Broadway. Einfach nur sitzen und einfach nur schreiben. Ein bisschen modern, manchmal weniger abgeschieden und manchmal auf im Sud und Fluss der großen Werbemarken samt Starbucks und irgendeinem Shop, der vegetarische Sandwiche mit zuckerfreier Erdnusssauce dazu Käse, Marmelade, Zwiebeln und Ketchup anbietet.
Das Tropfen des Regenwassers auf unserem Wohnwagen erinnert mich an den Herbst. Er greift um sich und vor einigen Tagen war er wieder da – einer dieser Tage, der aus meiner Sicht mindestens zwei Mal im Jahr vorkommt und auf die anstehenden Jahreszeiten verweist. Ich spüre diesen Tag sowohl im Winter als auch im Sommer. Im Winter, meist ist es erst der März gibt es einen dieser Tage, an dem die ersten Knospen aus ihren Gemäuern brechen, die Sonne stärker strahlt als sonst, man vielleicht das eine oder andere erste Insekt beobachten kann und die Welt aus ihren Schatten herauskriecht. Der Tag erinnert mich immer an das Stück „Frühlingserwachen“ von Wedekind. Der andere und bei mir weiß Gott beliebtere Tag liegt im September. Die ersten Blätter lösen sich von ihren Bäumen und fallen; und die Welt – die Welt ist früher dunkel als bisher, nass und gern auch ein bisschen matschig. Die Kinder freuen sich schon wieder auf die Herbstferien und es sind die letzten Bienen, die noch irgendwo auf der Suche nach ihrem süßen Honig sind. Man muss sie suchen. Manchmal ist es neblig und die Wälder beginnen anders zu riechen. Sie riechen fülliger, tiefer – ein bisschen wie ein trockner und derber Rotwein, der einem nicht so leicht von der Zunge geht. Mama sagt immer, dass ihr das Grün in den Sommermonaten am Meisten gefällt. Ich habe am Liebsten das Grün und Orange im Herbst.
Trotz Regen haben wir es zu meiner Freude heute zu einer Sommerrodelbahn und nach Bad Ischl zu einer der hier vielfältig vorhandenen Seilbahnen geschafft. Zusammen sind wir dafür auf über 55,00 Euro Kostenvolumen gekommen. Die Unterschiede in der EU sind üppig. Spätestens hier verabschiedet sich der große Traum von Europa. Der bulgarische Lira, gebunden an unsere ehemalige D-Mark, ist fast weniger als die Hälfe des Euros wert, und der türkische Lira samt Beitrittskandidat ist um mehr als 40 Prozent ihres Werts gefallen (Wir hatten ja überlegt, ob wir mit einem Tshirt mit dem Aufdruck „We love Erdogan“ in die Türkei einreisen). Wären die Einflüsse um Wirtschaft und Geld nicht so eklatant wichtig für die Entwicklung von Zivilisation – Wohlstand inbegriffen – würde ich gern fragen, wie viel Geld eigentlich von Bedeutung ist. Nach sechs Wochen auf einer Fläche von weniger als sechs Quadratmetern, abzüglich des Quadratmeters den allein Fabian einnimmt, einschließlich Kochnische, Dusche, Toiletten und den anderen sieben Sachen werde ich in Berlin stauen, wie viele Dinge ich in meinem Haushalt nicht (mehr) benötige. Im Grunde genommen braucht man, und jeder wird vermutlich einvernehmlich mit dem Kopf wackeln, wenig. Früher als ich Kind war und in die Freundschaftsbücher meiner Freundinnen auf die Frage antworten musste, was ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, habe ich immer „Essen“ und später „Gitarre“ geschrieben. Unspektakuläre Antworten. Vermutlich wollte ich klug und durchdacht wirken. Heute wären es möglicherweise nützlichere Dinge wie Taschenmesser, Lampe aber auch mein Handy oder Ipad. Vielleicht klingt es langweilig, aber der Kontakt zu meiner Familie ist eben doch mein innerer Kompass. Und das obwohl ich noch keine Kinder habe.
Österreich zeigt sich, wie eh und je und bereits während meiner Sommerurlaube als Kind, von Wohlstand geprägt. So prächtig wie Mozart gerade im Hintergrund spielt und ich ihn beim Schreiben immer wieder ausmachen muss, weil es manchmal lästig ist, so prächtig sind die hölzernen Häuser samt Geranienstauden und Gasthofmentalität. Auch an der Natur kann ich mich nicht satt sehen und hier im Tal des Salzes und früheren Lebensortes von Mozarts Schwester ist es doch ein wenig anders als im Tirol. Weniger von Deutschen überlaufen, was wohl einer der Hauptgründe ist, warum ich mich hier wohl fühle. Beim Wandern jedenfalls waren wir nahezu allein. Vielleicht liegt es auch einfach nur am Wetter. Immerhin konnten wir bei unserer Durchfahrt durch Salzburg dem geliebten Deutschland schon einmal unsere Zungen rausstecken und fröhlich winken.
In Berlin möchte ich mich weiter entschlacken und befreien. Eine Freundin aus dem Berliner Dom erzählte mir vor einiger Zeit, dass sie ihren gesamten Kleiderschrank auf das Wesentliche reduziert hat. Ich war und bin beeindruckt. Etwas, was mir sicher nicht so leichtfallen würde. Von den vielen Musikinstrumenten möchte ich mich sicher auch nicht trennen. Aber andere Dinge möchte ich weiter dezimieren. Es ist viel, es ist platzeinnehmend, es ist schrottig. Wenn man oder frau Platz schaffen, gibt es mehr Platz für andere Dinge im Leben. Für Gott, das Glück, die Fantasie. Ich mag sie, all diese Dinge. Und das ist es auch, was der Herbst mit einem machen kann. Manche putzen im Frühling und bei anderen erwachen eben erst im Herbst Geist und Energie. Und auch dafür danke ich meinen Eltern. Dafür, dass ich im Herbst geboren bin und ein Herbstkind sein darf.