Wenn man mit einem Flugzeug seine Reise beendet und dieses einen zurück an seinen aktuellen Alltags- und Lebensort bringt, dann ist es irgendwie leicht. Man schaut zwar reumütig auf seine vergangenen Urlaubstage zurück und fragt sich, warum man sich nicht eine längere Auszeit genommen hat – ansonsten jedoch hat man es leicht. Man setzt sich an seinem Gate in sein Flugzeug, in seine Reihe, auf seinen Platz und fliegt. Und all das samt bekannter Aufregung und hoffentlich einem wunderbaren Menschen, der einen vom Zielflughafen abholt. So ging es mir im vergangenen Jahr in Vietnam, dieses Jahr in Israel. So erging es mir irgendwie immer.
Hier, jetzt gerade, habe ich einen Wohnwagen am Hänger. Ich bin in Erding, parke vor der größten Therme der Welt und hoffe, dass heute Nacht die Polizei nicht an die Wohnwagentür klopft. Fabian schläft, es brennt eine Kerze und der Laptop liegt auf meinem Bauch. Es sind nur noch vier müde Nächte, die ich in meinen kleinen sechs mir liebgewonnen Quadratmetern – zumindest nachts – verbringen werde. Heute Morgen noch auf der Jenneralm und auf dem Königssee schippernd, sind wir unserem Rundreiseziel Hameln (Abgabestelle des Wohnwagens) heute wieder ein ganzes Stück näher gekommen. Welche letzten Reiseziele uns bis Freitag noch erwarten, weiß ich nicht. Vielleicht Bamberg oder ein Naturpark. Vielleicht ein See. Ich weiß es nicht.
Berchtesgaden ist ein wunderbarer kleiner Fleck Erde, den ich jedem Menschen der Interesse an Geschichte und Lust auf gute „deutsche“ Küche hat, empfehlen kann. Der Salzberg samt Kehlsteinhaus, an dem Adolf Hitler die deutsche Geschichte auf den Kopf gestellt hat, ist ein interessantes Ziel mit einer hohen Dichte an Tourismusströmen. Es lohnt sich, wenn auch zu einem sehr kostenintensiven Preis. Es gibt eine Ausstellung, einen zu besichtigenden Bunker (der derzeit jedoch geschlossen ist) und ein Restaurant im Kehlsteinhaus. Ganz in der Nähe befinden sich eine Sommerrodelbahn, ein Salzbergwerk und eine Therme. Alles, was der Mensch zu seiner Zufriedenheit womöglich braucht. Ich merke, dass ich mich in Bayern befinde. Alles wirkt gediegen, fromm, ein bisschen mit der Nase oben gehend. Ich bin mir sicher, die Gardinen sind mit quadratförmigen Bügelmustern geplättet. So machen das doch die deutschen Hausfrauen? Oder habe ich einfach nur Vorurteile?
Um 18:30 Uhr durften wir zur meiner christlichen Erheiterung gestern Abend eine historische Messe in Berchtesgaden besuchen. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und ich war glücklich. Anders als in der Kirche in Hoppegarten sangen hier eigentliche alle Menschen mit, beteiligten sich an den Ritualen und wirkten irgendwie sattelfest. Zumindest sattelfester als ich – was vermutlich im konservativen Bayern auch keine große Überraschung ist. Ich freute mich über den Weihrauch, den es bei uns Protestant/-innen leider nicht gibt und nach dem ich mich doch manchmal so sehne. Und spätestens bei der Austeilung des Abendmahls fiel mir auf, dass nicht alle Menschen ihre Opladen bei den Messdienern abholten. Waren diese Menschen noch nicht getauft oder „einfach nur“ Protestant/-innen? Ich verbrachte 1,5 Stunden in der Kirche und danach zeigte sich mein Herz wieder etwas voller. In einer Kirche fühle ich mich irgendwie immer zuhaus’.
Den heutigen Tag habe ich allein verbracht. Fabian mit Magen-Darm-Infekt niedergeschlagen, bugsierte ich auf die kleine Schlafmöglichkeit für Kinder am hinteren Teil des Wohnwagens. Zugelassen für 75 Kilo, es hielt trotzdem. Ansonsten stand ich der bayrischen Hausfrau in nichts nach. Tee machen, Brühe kochen, Medikamente vorbereiten, Wohnwagen zusammenbauen und ankoppeln, Essen holen. Nach dem ich nun sechs ganze Wochen jeden Tag Frühstück und Mittag und Abendbrot – abgesehen von den einigen Malen an denen wir essen waren – gemacht habe, stellte diese Situation nun wirklich keine Herausforderung mehr für mich da. Ich denke, ich würde eine gute Hausfrau abgeben. Immerhin gibt es Dank Bayern die sogenannte Herdprämie.
Immerhin hatte ich heute einen Tag für mich. Einen Tag den ich brauchte, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Es tut gut, allein zu sein. Diese Zeit braucht jeder. In Partnerschaft, mit Kindern, im antreibenden Berufsleben. Zeit allein, ist nicht Zeit zu zweit. Wer sie sich nicht nimmt, dem fehlt etwas – denke ich. Oft merkt es der Mensch nicht, gesteht sich die (immanente) Sehnsucht möglicherweise nicht ein. Alleinsein ist wichtig für das Zusammensein. Beides geht Hand in Hand. Das eine ist ohne das Andere nicht möglich. Allein heißt nicht einsam. Und allein heißt nicht allein einschlafen. Allein heißt halt eben einfach allein. Die Semantik ist klar.
Meine heutigen Ausflugsziele waren toll. Die Jennerbahn, nach Jahrzehnten im vergangenen Jahr geschlossen worden und seit August mit neuer Anlage bis zur Mittelstation wieder erschlossen, ein durchaus lohnenswertes Reiseziel. Ich entschied mich für eine Bergfahrt mit die Idee, den Berg im Anschluss daran wieder selbstständig nach unten zu wandern. Und hätte ich nicht Fabian seine Schuhe sondern meine Chucks an gehabt, wäre ich an meinem Vorhaben spätestens nach einigen Kilometern kläglich irgendwo im Wald, am Hang gescheitert. Immerhin jetzt weiß ich um die Notwendigkeit von Wanderstöcken. Bisher verband ich damit irgendwie, man siehe es mir Bitte nach, „alte Menschen“. Seit heute weiß ich – wer sie nicht hat, ist selber Schuld. Immerhin schaffte ich es innerhalb von zwei Stunden den Berg ohne größere Wunden und geknickte Füße nach unten zu steigen. Im Nieseln, in meinen neuen roten Mantel und der glücklichen Idee mir im Sommerschlussverkauf zwei Wanderstöcke zuzulegen.
Der Königssee, mein zweites Ziel, war atemberaubend. Ich erinnere mich noch als ich in meiner Kindheit mit meinen Eltern über den See in einem Ruderboot geschippert bin. Mama ist vom Boot aus ins Wasser gesprungen und es gibt einige lustige Geschichten dazu, die ich jetzt nicht weiter ausführen werde 🙂 An dem See hat sich nichts verändert. Es war toll. Wenn auch Fabian nicht dabei war und mich ramontisch mit einem der nur 40 vorhandenen Ruderboote über den See grazieren konnte… Der Königssee hat eine durchschnittliche Tiefe von 140 Metern, die tiefste Stelle liegt bei etwa 200. Er gehört dem Freistaat Bayern und Wassersportarten jeglicher Art sind vollständig verboten. Kein Kanu, Kayak auch kein Angeln oder Fischen. Es gibt lediglich die Ruderboote, einen kleinen Fährbetrieb und einen einzigen Fischer, der offiziell die Fische aus dem Wasser ziehen darf. Der See friert höchstens einmal in einem Vierteljahrhundert zu, das letzte Mal geschah dies 2006. Die Wassertemperatur liegt an der Oberfläche bei weniger als 16 Grad. 16 Grad ist die Höchsttemperatur, die nur sehr selten vorkommt – höchstens einmal im Jahr. Auch deswegen baden hier nur wenige Menschen. Ab einer Wassertiefe von 10 Metern liegt die Temperatur konstant bei vier Grad Celsius – egal welches Wetter den See umgibt. Irgendwo im See liegt auf dem Grund ein VW Käfer, der aufgrund der Naturschutzbestimmungen rund um den See nicht geborgen werden darf. Vor Jahrzehnten war das Befahren des Sees noch erlaubt; wenn das – wie beschrieben – auch nur sehr selten vorkam. Dann wird der See freigeben. Zum Laufen gibt es ausdrückliche Spuren. Dieser Fahrer hatte sich nicht an die Vorgaben gehalten und ist verstorben. Interessant was dieser so wunderbare See für Geschichten überliefern kann. Am Liebsten ist mir die von meiner Mama im Boot.
In einer Woche habe ich meinen ersten Arbeitstag hinter mir; was für eine grausige Vorstellung. Ich finde es deutlich schwieriger den Reiserückweg nachhause zu fahren als zu fliegen. Natürlich habe ich nach sechs Wochen Europareise eine ganz andere Vorstellung von den Ländern, ein Gefühl für die Geografie, die Unterschiede, die Grenzbereiche und die Distanzen. Die weniger werdenden Kilometer wehen jedoch trotzdem wie Trübsal um meine Nase. Man sitzt am Steuer und kommt einem Ziel immer näher, das man gar nicht ansteuern möchte. Eine ambivalente Situation, die ich in der Intensität bisher weniger kannte. Andernfalls kannte ich bis vor kurzem auch noch nicht das Gefühl sechs lange Wochen Urlaub zu haben. Ob als Schülerin oder Studentin. Gearbeitet habe ich irgendwie immer. Also freue ich mich doch auf diese große Stadt, die sich dann hoffentlich in ein tiefes Orange oder Rot einfärben wird, Abende mit Wein und guter Musik, vor allem aber auf meine Freund*innen, meine Familie und den Berliner Dom. In diesem Sinne gute Nacht große, kleine Welt und bon nuit.


