Die Sache mit dem Augenblick

Was ist ein Augenblick? Was ist ein Moment? Und vor allem, wen man sich schon mit diesem Diskurs beschäftigt, was ist überhaupt Zeit?

In Berlin jedenfalls scheint Zeit eine immense Rolle zu spielen. Sei es in den sozialen Netzwerken, morgens um 06:30 Uhr „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, nachmittags „Ich schaffe es einfach nicht pünktlich, geh Du schon mal ohne mich vor“ oder abends eben dann, wenn der Ausschuss, der nach der Geschäftsordnung der BVV nur bis 20:00 Uhr gehen soll durch meine Lieblingspiratenpartei doch noch in die Länge hinaus gezögert wird. Das ist Zeit in Berlin.

Gedrängt. Hektisch. Unruhig. Vor einigen Wochen habe ich einem Pfarrer eine lange Email gesendet – sie handelte ausschließlich von der Rastlosigkeit meiner zum Teil geliebten, zum Teil verhassten Großstadt. Und dennoch versuche ich meiner Umgebung mit offenen Augen zu begegnen, mich immer wieder zu korrigieren, die Welt aus der Vogelperspektive zu begreifen – nur um ja nicht, wie so viele andere, in Stereotypen zu denken und stets offen und besonnen zu sein. Trotz dieses Versuches bleibt meine Erkenntnis erhalten: Berlin, 24 Stunden, alles ist möglich: jederzeit ob tags ob nachts – die Menschen versuchen sich mit dieser gefühlten, scheinbar schier grenzenlosen Zugänglichkeit zu allen wichtigen Dingen im Leben von dem Tempo, der Masse, aber auch der Anonymität einer Metropole abzulenken. Sie finden es gut. Sie versuchen es sich schön zu reden. Sie finden es schön.

Doch wie es nun mit diesem Augenblick?
Gibt es ihn? Wo finde ich ihn?

In Berlin denke ich nach vorn. Jeden Tag: „Was steht morgen an? Was muss noch alles erledigt werden?“ Die Unstetigkeit meines Lebens zeigt sich nicht zuletzt in der Frage, wann ich jeden Morgen meinen Wecker stellen (muss). Es gibt keine Kontinuität. Jeden Morgen klingelt der Wecker zu einer anderen Uhrzeit. Aber liegt darin der Hase begraben? Warum beschäftigt mich das? Und warum negiere ich eigentlich diesen Zustand mit einer solchen Härte? Vielleicht sehne ich mich so sehr nach Beständigkeit, dass mich selbst sämtliche Angelegenheiten rund um das Weckerstellen schon aus der Bahn werfen. Es liegt klar auf der Hand. Die Kontinuität präsentiert sich nicht in der morgendliche Zeit, immer zur ähnlichen Zeit aufzuwachen; sie präsentiert sich vielmehr in der abendliche Fragestellung: „Wann stehe ich morgen auf?“ Na danke. Hier also zeigt sich der Augenblick keinesfalls. Er wendet sich nahezu von mir ab. „Planung“ und „Termine“ vernebeln ihn – er findet in dem ganzen Nebel nicht zu mir. Keineswegs.

Fragt sich nur, wer für den ganzen Nebel verantwortlich ist…

Manche, nein die meisten würden sagen: „Ich muss jeden Tag nach vorn denken.“ Ich muss den Termin morgen wahrnehmen. Ich musste eben zu spät kommen.“ Fühlen sich diese Menschen verpflichtet? Oder ist es nicht vielmehr so, dass sie sich die Pflicht selbst aufgebürdet haben („Selbst gewähltes Leid und so …“). Insbesondere meine Berufsgattung scheint – und auf Regisseure scheint das Problem zu meinem persönlichen Leidwesen leider schon abgefärbt zu haben – diesbezüglich ein kleines Brett vor dem Kopf zu haben. Sie bemühen sich in der Erklärung zu ihrem Lebens dann immer um Formulierungen: „anderen helfen, sich aufopfern und es ging gerade eben nicht anders“. Dass aber Psychohygiene und Nichtausbeutung auch ihren Stellenwert haben – davon ist in den Diskussionen mit Sozialarbeiter*innen (na ja und Regisseuren) meist nichts zu sehen. „Das Wohl der Anderen ist mir wichtiger“ (Der Claim der Sozialpädagog*innen) – aber ist dieses Wohl Menschen, die sich stärker und besser abgrenzen können, nicht mindestens genauso wichtig; manchmal vielleicht sogar wichtiger als all jenen die ihre eigene Unzulänglichkeit mit der „Mühe für andere“ zu erklären versuchen. Diese Menschen haben den Augenblick oft verloren bzw. ihn zum Teil noch nie erleben können.

Wäre ich nicht hunderte Kilometer abschüssig von Berlin, würde sich mir diese Frage vielleicht ebenso wenig stellen. Ich würde zum nächsten Termin springen und meiner inneren und äußeren Rastlosigkeit nachgehen. Ich würde mich hinter meinen Rahmenbedingungen verstecken und mir vermutlich nur mühselig eingestehen können, dass ich mir diese ja eigentlich selbst erschaffen habe. Ein Gerüst, ein Traumzauberbaum – der sich oft gut anfühlt; vielleicht aber auch nur weil es in Berlin mode ist, sich zugrunde zu arbeiten und bloß nicht sich selbst in den Mittelpunkt der eigenen Lebenswelt zu stellen. Kultur, Arbeit, Soziales – alles ist wichtiger als man selbst.

Hier jedenfalls, erlebe ich den Augenblick. Der Atlantik, 300 Meter von mir entfernt, ist so ungebändigt und jähzornig als wolle er mir etwas sagen. Er will mir nichts ins Ohr flüstern, er schreit mich an: „Komm bade in mir!“ Der Strand ist 200 Meter breit, zumindest wenn Ebbe ist. Und alle drei Meter spüre ich unter meinen Füßen ein anderes Relief – der Abdruck der verschiedenen Würmer; Algen, die vor einigen Stunden an dieser Stelle noch gelegen haben müssen oder Muscheln, solche – die ich noch nie gesehen habe.

Hier weiß ich am Morgen noch nicht, was Tag und Abend noch bringen werden. Hier zählt man selbst und die eigene Entscheidung, im Moment und im Augenblick.

Gleich springe ich in den Ozean. Eigentlich jetzt…

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Avatar von Martina Cornet Martina Cornet sagt:

    Es ist wundervoll deine Ergüsse zu lesen, ehrlich…….weiter so…….!!!! Warte schon auf das nächste Kapitel….LG Martina

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Martina Cornet Antwort abbrechen