Hallo Freiheit

Nachdem mich inzwischen mehrere Menschen (dazu zählen Mama, Papa, meine Freundin Katja und einige mehr an Menschen) in voller Erwartung auf mich als Zeilen formulierende Wollmilchsau auf meinen Blog angesprochen haben, komme ich nun doch nicht mehr umhin, mich an meine Tastatur zu setzen und zu tippen. Und siehe da, der erste Vorschritt und die erste Begeisterung, die sich über mich breit macht, liegt doch darin, endlich einen PC und kein Pad mehr wie im vergangenen Jahr in Thailand, Kambodscha und Vietnam vor meiner Nase sitzen zu haben. Ging es mir im fernöstlichen Asien noch um Leichtgepäck und Schnupperkurs in einer anderen Welt, stehen in den kommenden sechs Wochen das Abschütteln des Berliner Ballast und eine letzte große Reise vor fünf Jahren Doktorarbeit irgendwo im Nirgendwo im hiesigen Mitteleuropa an. Ja, das ist es, das Ziel in den kommenden fünf Jahre – Schweiß, Tränen, Mentholtabletten und Engergy drinks, Ruhzeiten im Kloster zum Schreiben und spannende Diskussionen mit spannenden Menschen. Im Moment fühlt sich die Zeit noch weit weg an und eigentlich weiß ich doch, ich bin mittendrin.

Hier am Steinhuder Meer, unser erste tapfere Etappe, liegt die Sonne gerade zu einem Drittel über der Erdoberfläche und jauchzt mich an. Sie kitzelt mich wach und spricht zu mir, mich in den kommenden Wochen doch weniger auf das „dann“ und viel mehr auch das „jetzt“ einzulassen. Und doch ist es auch die Sonne, die für mich noch nicht greifbar ist. Immerhin war ich am vergangenen Freitag wohl auch der einzige Mensch in Deutschland, der nicht wusste, warum abertausende Menschen an der Berliner B1 an Brücken und Feldern standen – zum Teil mit Campinghockern oder Isomatten, andererseits mit dem Auto bestückt – um gemeinsam in einer hermetischen Haltung Richtung Himmel zu glotzen. Denn erst nach dem wir nach einem wirklich stressigen Spätabend – samt Abwasch der vergangenen Wochen und letzter Erledigungen in der Wohnung meines Freundes – nun doch endlich Richtung Hoppegarten starten konnten, stutzte ich bereits an der Lichtenberger Brücke und fragte mich, welches Spektakel für die silhouettenhaften Menschenmassen wohl verantwortlich sei. Und wenn mich also der Mars schon nicht erreicht – und ihn sogar mit der Venus verwechsle – wie bitte soll mich dann die Sonne berühren?

Die Sonne lacht, ungeachtet meiner Gedanken, und der erste Stellplatz, den wir mit wenig Mühe am gestrigen Abend erreichen konnten, präsentiert sich um 10:30 Uhr des heutigen Tages als nahezu leer gefegt. Eine Ruhe, die sich im Verhältnis zu den vergangenen beiden Tagen wohl lohnen muss. Verbrachte ich den Sonnabend abgesehen von den elterlichen Abendbesuchen zum Adieu-Sagen den ganzen Tag mit Packen, Sortieren, Stapeln und logischem Denken, begann der Sonntag für mich um 06:30 Uhr mit den gleichen Aktivitäten. Und all das, obwohl ich doch am Donnerstag erst 24:00 Uhr aus Ungarn von einer Internationalen Begegnung in Ungarn zurück gekommen bin und mir die Augen doch eigentlich minütlich zufallen wollten.

Gestern erst, am Montag um 16:00 Uhr konnten wir unseren Wohnwagenanhänger Nähe Hameln in Blomberg abholen. Vorher ab Sonntag 06:30 Uhr sollten mein Besuch des Berliner Doms, mehrere Stunden Autofahrt, Zeltplatzsuche, Zeltauf- und abbau, erste Tränen nach der ersten Auseinandersetzung und eines kleinen aber solides Frühstück auf uns warten. Abgesehen von fehlenden Fahrrädern, ein Zustand, welcher mich bereits jetzt nervt, hatte ich alles gepackt und vorbereitet. Sogar der ADAC-Berater am Alexander Platz meinte, dass ihm eine solch gute Vorbereitung nur ein mal im Jahr begegnete. Ich war glücklich.

Ob ich auch hier, jetzt gerade, glücklich bin, weiß ich noch nicht. Aber es ist spannend, dass kann ich schon einmal sagen. Und bereits gestern begegneten uns die ersten Herausforderungen im neuen Campingalltag samt Sonnenbrille, Mütze, Mückenspray und spartanischen Frühstückstisch. Funktionierte zu Beginn das Licht des Anhängers zunächst nicht – vermutlich weil Rosti, wie mein Stiefvater liebevoll meinen Passat bezeichnet ohne Kontaktspray nicht mehrauskommt – schafften wir die 90 km im Anschluss daran ohne größere Probleme, um unser Ziel das Steinhuder Meer in Niedersachen zu erreichen. Ich frage mich, warum es für uns komplizierte Menschen eigentlich kein Kontaktspray gibt? Oder meint unser Kontaktspray die Fähigkeit auf den Anderen zuzugehen, über den eigenen Schatten zu springen und für Ausgeglichenheit zu sorgen? Und vor allem, was ist, wenn man sich in dieses Kontaktspray gar nicht transformieren kann oder einige seiner Bestandteile überhaupt nicht in sich trägt? Was ist eigentlich dann das Kontaktspray? Was dient dann als Kompensation? Immer nur der andere? Vielleicht sollte ich die kommenden sechs Wochen dazu nutzen, ein solches Kontaktspray zu entwickeln. Ich jedenfalls würde in meinem Alltag am Liebsten immer eines dabei haben.

Der erste Fehler, mit dem wir uns gestern vermutlich aus Unwissenheit konfrontierten, bestand in dem Befahren eines Stellplatzes für Caravane. Der zweite Fehler in unsere Unfähigkeit mit Wohnwagen-Anhänger rückwärts einzuparken, der dritte Fehler den Anhänger abzukuppeln ohne vorher Strom- und Notkabel abzuschließen und der vierte schließlich darin, den Wagen genau so aufzustellen, dass das Wasser in der Dusche nicht mehr ablaufen kann. Zumal in dem Wasserbehälter bei der Übergabe des Anhängers nur liebevolle 3 Liter eingeschenkt worden sind und ich dank dieser Umsicht um ca. 23:35 Uhr samt eingeschäumten Körper kein Wasser mehr hatte und mich mit dem Wasser aus dem Bodenbehältnis der Duscheinlage zufrieden geben musste. Ich also schlief als schaumdurchtränkter Waschlappen ein und hörte vorher noch den Geräuschen zu, wie sich Fabian samt Wasserkanister in der Dusche zu helfen versuchte und das Schmutzwasser in unseren grünen Eimer unter dem Wohnwagen floss.

Nachdem gestern noch während unserer Ankunft gleich mehrere Menschen auf uns zu rannten und alle darauf verwiesen, dass dies doch ein Stellplatz für Caravane und nicht für Wohnwagen sei, entschied ich mich dafür heute morgen, Fabian beim Brötchenholen damit zu beauftragen, doch vielleicht bereits an der Rezeption – nicht zuletzt um dem potentiellen Unmut vorwegzukommen –unser Versehen und unsere Unwissenheit anzusprechen. Anscheinend muss es allen Menschen in Deutschland nur uns nicht klar sein, dass Stellplätze für Wohnwagen eher selten vorgesehen sind. Die Wahrheit stand uns gut und die Dame an der Rezeption zeigte sich munter.

Auf dem Stellplatz hier erinnert mich alles an Polly Pocket. An meine Polly-Pocket-Schatullen, die ich als Kind immer öffnete und mit meiner eigenen Fantasie beleben konnte. Es scheint, und die Erfahrung habe ich ja bereits vier Wochen in Frankreich machen dürfen, als wäre das Campingvolk eine heitere Spezie, die hilfsbereit und zuversichtlich daher blickt. Hat uns ein netter Bauerarbeiter bereits an der Tanke beim Anbringen der Anhängerkupplung helfen wollen, haben unsere Nachbar*innen hier gestern Abend noch unsere Kerze angezündet. Geschlafen habe ich gut. Und die großen Höhepunkte Richtung Istanbul warten wohl noch auf. Genauso wie mein Vorstellungsgespräch an diesem Donnerstag. Für mich beginnt erst im Anschluss daran mein tatsächlicher Urlaub. Solange beobachte ich die kleinen Polly-Pocket-Figuren, erfreue mich an den Gesprächsfetzen und sinniere, was deren Inhalte für mein Leben bedeuten könnten… immerhin haben wir gestern zwei Stullendosen Brombeeren gepflückt. Heute geht es hoffentlich endlich ins Wasser und Richtung Kloster Loccum. Und ja Loccum wird mit Doppel-CC geschrieben. Ein Hinweis, auf den ich Dank meines Freundes bereits ein zweites Mal aufmerksam gemacht wurde. Ist es doch schön, dass man auf so engen Raum immer so beengte Gespräche mit so beengten Inhalten führen kann. Und so denke ich noch einmal über das Kontaktspray und meine Polly-Pocket-Figuren von früher nach. Denn da habe ich immer Frieden gespielt.

In diesem Sinne: https://www.youtube.com/watch?v=HRKTOhyMVWs

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  1. Avatar von Petra Petra sagt:

    Ich wünsche Euch eine aufregende Reise und das Du Jenny, Deinen Ruhepol findest.

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