Es geht immer noch ein bisschen mehr. Auf der Suche nach irgendwas. Nur was es ist, kann keiner erklären. Yvonne Catterfeld.
Ich bin in Rumänien. Ein atemberaubendes Land mit wunderbar bewaldeten Ausblicken, die an die schönsten Kulissen in einem dieser französischen Filme erinnern, die man am Liebsten in irgendeinem dieser alten nach Rauch riechenden Kleinkinos schaut, die sich in einer Nebenstraße des Berliner Nachtlebens tummeln und auf Besucherinnen und Besucher wartet. Rumänien umarmt. Es umarmt die Menschen, die hier stranden und von einer fernen und reichen Welt, namens Deutschland, stammen. Die Häuser sind selten zu Ende gebaut und erinnern an unvollendete aber schöne Werke von Handwerkern, die durch Können und Leistung bestechen. Gäbe es nicht die EU, gäbe es womöglich nicht ein einziges finalisiertes Haus. Auch die Chefin unseres letzten Campingplatzes meinte zu uns, dass sie sich den Erhalt des Platzes allein nicht leisten könne. Ihr Sohn arbeite auf dem Bau in Deutschland. Er fühle sich dort wohl und auch sie sei dankbar. Für die wenigen Taler, die er zu ihr und Familie nach Rumänien schickt.
Gestern waren wir in Cluj Napoca, der heimlichen Hauptstadt Transsilvaniens. Hier gibt es Hochschule, Universitäten und mehr als 300.000 Einwohner*innen. Nach Bukarest, der Hauptstadt, der größte Ort in Rumänien. Die Menschen wirkten gut gekleidet, es gab schöne Frauen, teureres Essen, einige Museen und einen größeren Stadtpark zur Erholung der Bürgerinnen und Bürgern. Auch wir tummelten uns in dem Park. Wir spazierten und links und rechts entlang der Bäume entseilten junge Menschen ihre Hängematten, parkten sich samt Freund*innen und machten es sich gemütlich. Es erinnerte mich ein klein wenig an meine Zeit in Asien. Mit ihr auch die altersübergreifende Spielfläche in der Natur, die in Berlin aus meiner Sicht bisher nicht oder kaum funktioniert. Immerhin hier macht die Investition der Europäischen Union Sinn, wenn schon nicht in den Außenbezirken so mancher Großstädte in Deutschland.
Heute übernachten wir in Bran, gut 20 Minuten fußläufig zum Schloss Dracula. Die Eintrittskarten habe ich, typisch deutsch oder typisch Jenny, bereits elektronisch erworben. Gleiches gilt für das Bärennaturschutzreservat in Zarnesti. Die Tour startet morgen frisch und knackig 09:15 Uhr. In Rumänien gibt es abgesehen von Russland das größte bärenreiche Areal Europas. Sogar nach Kronstadt kommen sie, wie in Berlin die Wildscheine, zum Abendessen vorbei. Ich freue mich.
Ich denke über Dracula, Graf Zahl und Papa nach. Bereits früher habe ich mich mit dem kleinen Gruselmonster auseinandergesetzt. Bei Papa waren es immer Alf, die Dinos, Fred Feuerstein oder andere lustige Sendungen, die meine Kindheit begleiteten. Gerade läuft das Lied „Straßen aus Salz“ von Yvonne Catterfeld im Hintergrund. Es passt. Meine Eltern könnten unterschiedlicher nicht sein. Im Grunde genommen ein großes Glück, das ich habe. Auch wenn sie getrennte Wege gehen, habe ich doch beide in mir.
Hier in Rumänien, hier in der Ferne, komme ich ins Denken, ins Träumen – über die Vergangenheit, die Zukunft, das Jetzt. Das Jahr 2018 ist ein großes. Ich werde getauft, dreißig Jahre und beginne mit meiner Doktorarbeit. Was für Riesenschritte – es fühlt sich an als müsste ich eine Riesin sein, um diese bewältigen zu können. Manchmal fühle ich mich kleiner als mein Leben es ist. Die SPD, die beiden Hochschulen, Neukölln, die Doktorandinnen und die vielen anderen Tätigkeiten. Ohne ein Stopp wie diesem, wäre mein Leben wohl nur schwer bewältigbar. Und ich bin sicher nicht eine die jammert. Erst in der Ferne wird die Eile und Aufwendigkeit meines Lebens hinfällig. Die Natur frisst sie auf und gibt zu erkennen, dass wir Berliner uns immer ein wenig größer fühlen als wir eigentlich sind.
Ich freue mich auf das Schwarze Meer. Die Weite, das Salz, die Tiefe. Wasser erinnert mich immer wieder an den Wunsch sich nach all den Unzulänglichkeiten, die jeder von uns in sich trägt, reinzuwaschen. Es erinnert mich an die Taizee-Gottesdienste in meinem Berliner Dom, Johannes den Täufer, die vielen unglücklichen Menschen auf dem Mittelmeer, die Durstigen und Ertränkten dieser Welt… es ist so kostbar, dieses Wasser. Und doch verschwenden sich so viele daran. Hier in Rumänien kann man sich Verschwendung nicht leisten, in Bulgarien und der Türkei erst recht nicht.
Ich atme ein. Die Luft, die um meine Nase weht, ist kühl. Es riecht nach Bergen, hier in der Nähe Draculas, einem der kleinen Höhepunkte meiner diesjährigen Reise.

Toll geschrieben, da bekomme ich gleich Lust, meinen Koffer zu packen. Liebe Grüße
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